Kultur

Papierschiffchen auf hoher See

Mittelmaß siegt: Die Deutsche Oper entdeckt Meyerbeers Heldenoper „Vasco da Gama“ wieder

War es Zufall oder Absicht? Am Ende des Berliner Opernpremieren-Marathons, der am Freitag in der Komischen Oper mit Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen" begann und aus Wagners "Meistersingern" ein Nationalfeiertagsevent machte, schloss sich Sonntag mit "Vasco da Gama" an der Deutschen Oper eine konzeptionelle Klammer. Denn ohne Giacomo Meyerbeer wäre weder Offenbachs noch Wagners Musik denkbar.

Dabei gehört der 1791 als Jakob Liebmann Meyer Beer geborene Komponist zu den eher unbekannten Größen des Opernbetriebs – die letzte Berliner Inszenierung eines seiner Werke war 2000 "Robert der Teufel" an der Staatsoper. Und das, obwohl Meyerbeer ein echter Berliner ist, auf dem jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee begraben liegt und im 19. Jahrhundert ein Star war mit Aufführungszahlen, die seine Kollegen, voran Wagner, vor Neid erblassen ließen.

Nur: Warum war der Run auf Meyerbeer im 20. Jahrhundert vorbei? Weil Komponisten wie Wagner und Verdi kompositorisch, aber auch psychologisch lässig an ihm vorbeizogen (und sich beim Überholen kräftig bei ihm bedienten). Und weil er eine Kunstform perfektionierte, bei der die Musik nur Teil des Ganzen war: Die Grand Opéra mit ihren exotischen Themen, ausufernden Akten, zentral platzierten Balletten schlug Mitte des 19. Jahrhunderts auch deshalb so ein, weil es mit seiner Mischung aus Erotik und Gewalt, aus technischer Raffinesse und alle Kunstformen vereinendem Bühnenzauber ein direkter Vorfahre von Hollywood war. Nachvollziehbarkeit? Nebensache! Hauptsache, bei der Nahaufnahme funkelten die Emotionen und bei der Totale knallten die dramatischen Höhepunkte.

Genau das liefert Meyerbeer auch in seiner letzten Oper "Vasco da Gama", uraufgeführt 1865, die lange Zeit als "Afrikanerin" gespielt wurde: Der historische Seefahrer kämpft darin um seine Geliebte Ines und um einen Schiffweg nach Indien, vor allem aber um Ruhm. Die indische Königin Selica, die von Vasco als Sklavin aufgegabelt wird und eine Erfindung ist wie das Meiste in dieser Räuberpistole des Serien-Dramatikers Eugène Scribe, liebt Vasco, ihr Diener Nelusco liebt sie. Klar, dass das nicht gut geht.

Historiengemälde aus Zeiten des brutalen Kolonialismus

Dieser Fünf-Stunden-Schinken wirkt wie ein Historiengemälde des 19. Jahrhunderts: hübsch anzuschauen und -zuhören, aber vollkommen aus der Zeit gefallen in seinem geradezu brutalen Kolonialismus. Da wird Europas Expansion als Fortschritt gegen die Kirche gefeiert und am Ende kriegt sich das weiße Paar, während die Exoten sterben müssen – wegen gebrochener Herzen. Ach! Regisseurin Vera Nemirova und Dramaturg Jörg Königsdorf wittern in dem Stoff dennoch Aktualität: das Eigene und das Fremde! Die Flüchtlinge! Die kenternden Boote! Allein: Dass einzelne Aspekte heutige Probleme berühren, macht es noch lange nicht zeitgenössisch.

Was an der Deutschen Oper zu merkwürdigen Szenen führt. Marie-Thérèse Jossen hat die Portugiesen des 16. Jahrhunderts in schicke 60er-Jahre-Kleidchen und –Uniformen gesteckt, vermutlich, weil damals der Sittenkodex halbwegs intakt war, gegen den die Helden hier kämpfen müssen. Andererseits werden Bilder von heute aufgerufen: Wenn Vasco am Ende des ersten Aktes dem Hohen Rat als Beweis für die Sehweg-Existenz nach Indien Selica und Nelusco präsentiert, strömen Flüchtlinge auf die Bühne und halten kleine Papierschiffchen anklagend Richtung Publikum. Und die Krieger, die das gestrandete Schiff der Portugiesen im dritten Akt stürmen und ein Blutbad anrichten, sind hier Männer in Sturmmasken und Maschinengewehren irgendwo zwischen Taliban, IS-Kämpfern und ostafrikanischen Piraten (dafür hagelte es kräftige Buhs).

Allein: Diese Zeigefinger bleiben ebenso Dekor und Staffage wie die Inder in weißen Gewändern, mit orangenen Blütenketten und Punkten auf der Stirn. Denn Nemirova erzählt die Geschichte brav herunter auf Jens Kilians Bühne: Eine halbrunde Wand zeigt die damals bekannte Welt in Kreideumrissen, manchmal funkeln Sterne. Wenn die Wand kippt, ergibt sie den Ratstisch oder ein hölzernes Spielpodest. Drumherum bilden Stoffbahnen mal eine Kuppel, mal Segel.

Hier arrangiert Nemirova große Stehtableaus, ohne der Figurenführung allzu große Bedeutung beizumessen. Sie trennt nicht zwischen Handlung und inneren Vorgängen, sie verleiht weder dem Chor noch den Nebenrollen Individualität. Das stört natürlich nicht, es langweilt nur. Zumal Meyerbeer über weitere Strecken eher freundliches Mittelmaß komponiert hat, das nur ein entsprechender Bühnenzauber erlösen könnte.

Bei Nino Machaidze stockt dem Publikum der Atem

Aber es gibt ein paar schöne Melodien: Wenn etwa Ines in ihrer großen Sehnsuchtsarie zu Beginn ihren eben geschilderten Kummer in einer Vokalise zusammenfasst, trifft ihr Leid unmittelbar. Zumal in der Interpretation von Nino Machaidze, bei der einem der Atem stockt – vollkommen mühelos gelingen ihr die Koloraturen, äußerst klug nuanciert sie das Material. Oder der große, vierteilige Abschiedsgesang der Selica: eine Innigkeitssteigerung voller herrlicher Bögen, in denen Sophie Koch, die lange ziemlich angestrengt klingt, endlich zu ihrer herausfordernden Rolle findet. Roberto Alagna, als erkältet angekündigt, besitzt eine für den Vasco herrlich strahlende Mittellage. Nur in der Höhe wird es gelegentlich eng. Besonders präsent ist Markus Brücks Nelusco mit einer Bariton-Wucht, die alle rasch wechselnden Gefühlslagen fulminant beglaubigt. "Vasco da Gama" ist Auftakt zu einer Meyerbeer-Serie an der Deutschen Oper. Es ist noch Luft nach oben.

Deutsche Oper, Bismarckstr. 35. Tel. 34384343. Am 7., 11., 15., 18., 24. Oktober

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