Daniel Barenboim

„Die Deutschen haben eine grandiose Kultur“

Daniel Barenboim wird am Wochenende „Meistersinger“ dirigieren. Ein Gespräch über Wagner, deutsche Vergangenheit und Flüchtlinge.

Doppelschicht für Daniel Barenboim: Am Sonnabend und Sonntag werden „Die Meistersinger“ im Schiller-Theater aufgeführt

Doppelschicht für Daniel Barenboim: Am Sonnabend und Sonntag werden „Die Meistersinger“ im Schiller-Theater aufgeführt

Foto: Reto Klar

In einer Probenpause sitzt Daniel Barenboim in seinem Büro und raucht eine Zigarre. Im Schiller-Theater werden gerade „Meistersinger“ als Eröffnungspremiere vorbereitet. Ein Wagner-Verfechter ist der Generalmusikdirektor, es ist mittlerweile seine 20. Wagner-Produktion an der Staatsoper. Der Stardirigent spricht über die deutsche Kultur, über Flüchtlinge und warum er das Konzert der Staatskapelle in Teheran nach wie vor geben möchte.

Berliner Morgenpost: Herr Barenboim, wir stehen vor einem Wochenende, an dem alle drei Opernhäuser große Premieren machen.

Daniel Barenboim: Falls es Beschwerden gibt, bitte an die anderen Häuser wenden. Die Staatsoper hat ein festes Datum, wir machen immer am 3. Oktober unsere Eröffnungspremiere. Wir sind also unschuldig an den Überschneidungen.

Im Schiller-Theater spielen Sie „Die Meistersinger“ obendrein auf zwei Tage verteilt.

Das ist aber nur zur Premiere am 3. und 4. Oktober so. Das 25-jährige Jubiläum zum Tag der Deutschen Einheit ist ein wichtiges Ereignis. Viele Menschen können deshalb nicht rechtzeitig in die Oper kommen, weil sie mit offiziellen Terminen beschäftigt sind. Also beginnen wir erst um 20.30 Uhr. Ich dachte, einmal können wir es schon so machen, wie es in der Partitur steht. Am Ende des 2. Akts verkündet der Nachtwächter, dass die Glocke elf geschlagen hat. Das kommt bei der Premiere dann ungefähr hin. Am Sonntagmittag machen wir dann weiter. Es ist eine logistische Frage, die wir künstlerisch lächelnd beantworten.

Zum Tag der Deutschen Einheit sind Wagners „Meistersinger“ schon ein schwieriges Stück. Es war eine bei den Nazis beliebte Oper.

Ich finde die Denkweise falsch. Es ist kein politisches Stück und auch kein antisemitisches Stück. Auch die Behauptung, dass der Beckmesser bei Wagner die Karikatur eines Juden ist, halte ich für falsch. Der Beckmesser ist ein Stadtschreiber, und kein Jude konnte im Mittelalter ein solches Amt annehmen. Wenn Wagner eine Karikatur im Kopf gehabt hätte, dann nicht so eine Figur. Wir wissen, dass Wagner ein schrecklich antisemitischer Mensch war. Aber die Verantwortung für die Nazi-Geschichte kann man ihm nicht anhängen. Er ist bereits 1883 gestorben..

Was haben Sie mit Ihrer Regisseurin Andrea Moses besprochen?

Ich kann vor der Premiere nicht alles erzählen. Aber es geht ein bisschen um die ganze deutsche Geschichte, die deutsche Kunst. Was sie bedeutet und woher sie kommt. Es ist keine 68er-Geschichte geworden. Ein 68er fühlt irgendwie, dass die deutsche Kunst das ist, was von den Nazis propagiert wurde. Wilhelm Furtwängler wusste damals schon, dass die Nazis die deutsche Kultur auseinander gebrochen, zerstört haben. Frau Moses stammt aus der früheren DDR und hat eine völlig andere Sicht auf das Thema.

In den „Meistersingern“ wird das Deutsche bejubelt.

Ich bin Jude. Ich kann nur in Berlin leben, weil ich das Gefühl habe, dass sich die große Mehrheit der Deutschen auf phänomenale Weise mit der Vergangenheit auseinander gesetzt hat. Es gibt kein anderes Land auf der Welt, das es so intensiv getan hat. Denken wir nur an Japan, an Spanien oder an das, was die Türken den Armeniern angetan hat. Man will das bis heute nicht anerkennen. Niemand darf die Vergangenheit vergessen, aber man muss sie auch überwinden können. Das heißt für mich bei den „Meistersingern“, das Stück so zu entdecken, wie es von Wagner einmal gedacht war.

Es geht auch um eine Liebesgeschichte. Gibt es eine Figur, die Ihnen nahe ist?

Manchmal möchte ich, dass die Eva mir nahe steht. (lacht) Aber es geht vor allem um Handwerk und wie Kunst daraus entsteht. Das ist ein Thema der Meistersinger. Wir alle haben unterschiedliche Assoziationen. Nehmen wir eine andere Musik. Liszts „Les Preludes“ benutzten die Nazis als Signal für ihre Wehrmachtsmeldungen. Ich bin in Tel Aviv aufgewachsen, bei uns war es im Radio ein Signal für die Kultursendung „Bühne und Vorhänge“. Es wurde am Sonnabend angekündigt, was in der Woche in den Theatern und im Konzert kommt.

Wir leben in einer Zeit, in der sich das Nationale im Nahen Osten auflöst und es Flüchtlingsbewegungen in europäische Nationalstaaten hinein gibt. Wo teilweise heftig abwehrend darauf reagiert wird.

Ich finde, die deutsche Reaktion von Frau Merkel war fantastisch. Ich glaube, es ist wichtig, den Ankommenden die hiesige Kultur zu geben. Die Deutschen müssen überwinden, sich andauernd wegen ihrer Kultur und Sprache schlecht zu fühlen. Die Aufarbeitung ist längst gemacht. Sie haben eine grandiose Kultur. Die Flüchtlinge, die herkommen, sollen das lernen. Es gibt nichts Falsches. Die deutsche Kultur, die Musik, auch der Klang. Natürlich braucht man für Beethoven einen anderen Klang als für Debussy. Genau das muss man verstehen lernen.

Was hoffen Sie, wie wird es mit den Flüchtlingen weiter gehen?

Ich hoffe, dass man einen Weg findet, sie aufzunehmen. Und andere Länder müssen sich mehr daran beteiligen. Mich erinnert die europäische Situation daran, was Argentinien Ende des 19. Jahrhunderts für die Juden getan hat. Mein Urgroßvater war 1891 aus Russland gekommen. Heute gibt es drei syrische Gemeinden in Argentinien, die muslimische, die christliche und die jüdische. Im Fernsehen habe ich gerade zwei Sendungen gesehen, und es ging auch um die Furcht vor dem Islam. Ich höre immer, die Mehrheit der syrischen Flüchtlinge sind Ingenieure, Ärzte, gebildete Menschen. Syrien war außerdem die säkularste Gesellschaft der arabischen Welt. Vor den Menschen muss man keine Angst haben.

Wird die Flüchtlingsbewegung Auswirkungen auf Ihr West-Eastern-Divan-Projekt haben, in dem Sie junge Musiker aus Israel und arabischen Ländern zusammen bringen?

Das Divan-Orchester ist ein Mythos geworden in Europa und Amerika. Eigentlich überall, nur im Nahen Osten nicht. Wir haben aber viele enthusiastische Verehrer in Israel und Palästina. Andererseits gibt es viele, die uns abgrundtief hassen, mich für einen Verräter halten. Das sind in beiden Ländern etwa gleich viele. Insofern muss es das Richtige sein, was ich mit dem Projekt tue.

Kein Mensch möchte angefeindet werden?

Ich bin auch zutiefst enttäuscht von der israelischen Regierung. Das geht schon seit Jahren so. Jetzt fangen sie an, ihr wahres Gesicht zu zeigen. Sie wollen den Siedlungsbau gar nicht stoppen. Obwohl die ganze Welt sagt, das ist eine Voraussetzung ist, um überhaupt mit den Palästinensern ins Gespräch zu kommen. Man raubt sich die Chance auf irgendeine Zukunft. Ich finde das deprimierend. Und leider ist auch auf der palästinensischen Seite im Moment niemand da, der sich auf Gespräche einlässt.

Wie heftig die Kritik der israelischen Regierung an Ihnen ist, wurde zuletzt deutlich, als Kulturministerin Miri Regev auf Facebook Ihre Planungen für ein Konzert in Teheran angriff. Kurz darauf wies der Iran Sie als Künstler eines „zionistischen Regimes“ zurück.

(Lacht) Aber ich war stolz. Die „New York Times“ hat geschrieben, ich sei der einzige Mensch auf der Welt, der den Iran und Israel zu einer Meinung bringen kann.

Wird das Projekt des Staatskapellen-Konzerts in Teheran trotzdem weiter verfolgt?

Ja, es wird weiter verfolgt.

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