Klassik-Kritik

Zubin Mehta zeigt am Pult eine würdevolle Eleganz

Geiger Gil Shaham im Konzert der Berliner Philharmoniker

Nach dem Musikfest widmen sich die Berliner Philharmoniker im ersten Programm Komponisten, die als anachronistische, aus der Zeit gefallene Romantiker galten. Camille Saint-Saëns wurde nach der Uraufführung seiner Dritten Sinfonie 1886 als "französischer Beethoven" bezeichnet. Sein Werk ist auch als "Orgelsinfonie" bekannt. In der Philharmonie spielt der französische Virtuose Thierry Escaich, am Pult steht Zubin Mehta. Das Knieproblem, das den Stardirigenten während des Musikfests dazu zwang, seine Israelischen Philharmoniker im Sitzen zu dirigieren, ist überstanden. Mit fließenden, raffinierten Gesten leitet Mehta die Philharmoniker. Die Streicher beginnen straff und geschmeidig, bis sie in gespenstisches Zupfen geraten. Dann tritt die Orgel mit schwebenden Akkorden ein.

Der zweite Satz entblößt das Instrument in seiner ganzen Pracht. Es steht außer Frage, dass Escaich wunderbare Farben in den Orgelregistern wählt und ein perfektes Timing beherrscht. Aber es ist schade, dass das Können eines der begabtesten Orgelimprovisatoren des Kontinents bei diesem philharmonischen Debüt kaum zur Geltung kommen kann.

Dagegen tritt der amerikanische Geigenvirtuose Gil Shaham mit einem maßgeschneiderten Werk auf. Das Violinkonzert in D-Dur von Erich Wolfgang Korngold hat er bereits vor mehr als 20 Jahren in sein Repertoire aufgenommen. Sein Ton ist süß, aber mangelt nicht an Schmerz. Die Geige bleibt in ihrer Emotionalität immer unmittelbar. Im zweiten Satz, der Romanze, singt die Geige ununterbrochen über einer rein atmosphärisch angelegten Orchesterkulisse. Shahams Interpretation birgt eine tiefe Melancholie in sich. Es klingt, als beobachte er in Kalifornien einen herrlichen Sonnenaufgang und träume von anderen Welten. Im heiteren Finale folgt Mehta Shahams elastischem Tempo. In der Zugabe von Bachs "Gavotte en Rondeau" schwelgt Shaham wieder in interpretatorischer Freiheit, ohne dabei seine makellose Technik zur Schau zu stellen.

Der Abend beginnt mit dem Zwischenspiel und der Karnevalsmusik aus der Oper "Notre Dame" des österreichischen Komponisten Franz Schmidt. In tonaler Pracht errichtet er die majestätische gotische Architektur der Kathedrale aus dem gleichnamigen Roman von Victor Hugo. Die mitreißenden Streichermelodien schwelgen vielleicht nicht mit großer Wärme, sind aber sinnlich und tragisch zugleich. Am Pult dirigiert Mehta mit einer würdevollen, ganz der alten Schule verpflichteten Eleganz. Es macht das Programm eines vergangenen Zeitalters umso deutlicher.

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