Konzert im Tempodrom

Bryan Ferry in Berlin - Herzensbrecher mit kühler Grandezza

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Matthias Wulff
Bryan Ferry während eines Konzertes in London (Archivbild)

Bryan Ferry während eines Konzertes in London (Archivbild)

Foto: Hans Klaus Techt / dpa

Bryan Ferry im Berliner Tempodrom. Unterkühlt, nicht unfreundlich und zunächst mit Tanzverbot. Doch Tara hat er auch nicht nötig.

Bryan Ferry hat einmal erzählt, dass ihm Berlin als die dekadenteste Stadt Europas erschien, so verrucht wäre sie ihm damals vorgekommen. Das war zu Beginn der 70er Jahre, als er mit Roxy Music in der Stadt auftrat.

Nun singt er am Freitagabend im fast ausverkauften Tempodrom, die verruchten Zeiten sind für beide, für Bryan Ferry und die Stadt, Vergangenheit. Das Konzert ist bestuhlt, wer es wagt, aufzustehen, um zu tanzen, wird von einem Ordner aufgefordert, sich zu setzen. Ein Möchtegern-Tänzer zeigt ihm den Vogel. Was soll man dazu auch sagen?

Im letzten Viertel holt Bryan Ferry die Gassenhauer raus

Das Tanzverbot erledigt sich dann von allein, als Ferry den Roxy-Music-Klassiker „Slave to love“ anstimmt, da sind wir im letzten Viertel des Abends und sitzen will man schon lange nicht mehr, jetzt werden, wie es seit jeher guter Brauch im Konzertgeschäft ist, die Gassenhauer herausgeholt. „Virgina Plain“, der erste Charterfolg der Band, gehört dazu und auch „Jealous Guy“, das John-Lennon-Lied, an dem sich eine armadagleiche Anzahl von Musikern versuchte, dessen wundervoller Pathos aber nur Roxy Music umsetzen konnte.

Gut zwanzig Lieder spielt Bryan Ferry an diesem Abend. Er ist in schwarz gekleidet, die Bühne ist gut voll, sieben Musiker hat Bryan Ferry mitgebracht und drei Sänger, die ein bewundernswertes Rhythmus-Gefühl mit eingebautem Hüftschwung haben. Falls wieder eine neue Verfilmung der Disco-Zeit anstehen sollte, so etwas wie „Boogie Nights“ Teil 2, dann geht beim Casting kein Weg an den Dreien vorbei.

Ferry hat zeitlebens herausragende Alben gemacht

Wohlgemerkt, es ist kein Retro-Abend. Bryan Ferry, der an diesem Sonnabend 70 Jahre alt geworden ist, hat zeitlebens gute und herausragende Alben gemacht, es ist nicht eine dieser Veranstaltungen, auf der man heimlich betet, dass der Künstler bitte nicht noch eines seiner neuen Lieder spielen möge.

„Avonmore“ heißt sein letztes Album, es ist im vergangenen November erschienen, der dazugehörige Auftritt in Berlin wurde damals wegen einer Kehlkopfentzündung abgesagt und nun nachgeholt. Drei Lieder spielt er von dem Album, das leicht getragene Cover des Robert-Palmer-Liedes „Johnny and Mary“ ist leider nicht darunter.

Er hat seit jeher einen außergewöhnlich guten Geschmack, ein Gespür für Melodie, wenn es darum geht, ein Lied neu zu interpretieren. Es mag nicht nur eine Gabe sein, sondern auch die Folge einer lebenslang Beschäftigung mit den Werken anderer Künstler.

Dieser Herzensbrecher braucht keine Windmaschine

Bryan Ferry erzählt in Interviews gern, wie er schon als kleiner englischer Arbeiterjunge ein fanatischer Musikliebhaber war und was für ein Opfer es bedeutete, sein gesamtes wöchentliches Taschengeld für eine Single auszugeben. Er stammt aus armen Verhältnissen, was man nie recht glauben mag, sieht er doch immer so aus, als sei er mit kühler Grandezza und leicht hochgezogener Augenbraue gerade aus einem Evelyn-Waugh-Buch entstiegen.

Bryan Ferry macht kein Tara, keine großer Show, und er sagt auch nicht, wie sehr er Berlin liebt. Die Lieder spielt er nahezu rastlos aufeinander, häufig auch in den Applaus hinein. Es ist ein unterkühlter, nicht unfreundlicher, professioneller Auftritt. Wer Gestus, Stimme und Lieder eines Herzensbrechers hat, der braucht keine Windmaschine.