Ausstellung

Botticelli und seine Schönheitsdrogen - Venus-Kult in Berlin

Der Meister der Renaissance als Superstar: Eine Ausstellung in der Gemäldegalerie zeigt, wohin der Kult die Venus weltweit geführt hat.

Mit wehendem Haar verweist es unverkennbar auf das Vorbild: In grellen Farben malte Andy Warhol, der Erfinder der Popart, 1984 sein Frauenporträt. Die Schau „The Botticelli Renaissance" ist eine Kooperation der Staatlichen Museen mit dem Victoria and Albert Museum London.

Mit wehendem Haar verweist es unverkennbar auf das Vorbild: In grellen Farben malte Andy Warhol, der Erfinder der Popart, 1984 sein Frauenporträt. Die Schau „The Botticelli Renaissance" ist eine Kooperation der Staatlichen Museen mit dem Victoria and Albert Museum London.

Foto: Juergen Blume / epd

Sie ist schlank, toll anzusehen, ästhetisch einwandfrei, soweit wir das beurteilen können. Auf dem Sockel steht – eine nackte Felge. Das Titelkärtchen ist beschriftet mit „OZ Racing“ und „Botticelli III“. Aus einer Privatsammlung. Die italienische Autofirma wird glücklich sein über diese Huldigung in der Rotunde der Gemäldegalerie. „Botticelli III“ ist dann auch der lakonische Einstieg in die außergewöhnliche wie kluge Botticelli-Ausstellung am Kulturforum. Anschließend wird die Schau mit Blockbuster-Qualitäten ins Victoria & Albert Museum in London gehen.

Gerade kommt Stefan Weppelmann, einer der Kuratoren, herbei, hebt kurz sein Bein, legt einen Socken frei mit der „Venus“ darauf. Sein Strumpf ist pädagogisch wertvoll: Die Ausstellung „Botticelli Renaissance“ macht sich daran, den Botticelli-Kult einmal zu spiegeln, um zu zeigen, wer alles den blonden Schönheitsdrogen „Venus“ und „Primavera“ als Inspiration bis heute erlegen ist. Botticellis schwebende Traumfrauen sind 500 Jahre alt, doch Schönheit und Grandezza sind zeitlos. Auch die satten Farben und starken Linien lassen sich gut vermarkten, nicht nur im Showbiz und Modebusiness. Kein zweiter Alter Meister erreichte mit nur zwei Gemälden diese Popularität, die in ihren trashigen Niederungen leider bis hin zur Nagelfeile und zum Duschhandtuch führt. Kurios bleibt, dass Botticelli (1445–1510) nach seinem Tod Jahrhunderte in Vergessenheit geriet; die britischen Präraffaeliten waren es, die seine Damen im 19. Jahrhundert für ihre künstlerische Weltenflucht wiederentdeckten. Wie das aussieht, zeigt der „Tagtraum“ (1880) von Dante Gabriel Rossetti, eine Topleihgabe aus London.

Lady Gaga schlüpft in ein „Primavera“-Gewand, designt von Dolce & Gabana

Die Venus ist eine Marke wie Barilla-Pasta in ihrem blauen Karton. Zitat, Adaption, Reproduktion, manchmal ist Botticelli als Urheber gar nicht mehr zu erkennen. Der Saal „Botticelli universal“ führt hübsch dialogisch vor, dass es kaum einen Künstler gibt, der sich nicht mit den Florentiner Ladys in irgendeiner Weise auseinandergesetzt hat. Dabei wird einfach rückwärts ausgestellt: von 2015 abwärts bis 1445, dem Geburtsjahr des Künstlers. Rineke Dijkstras „Beach Portraits“ von 1992 zeigen junge Mädchen am Strand in der ungelenken Pose von Botticellis weltabgewandter Venus. US-Fotograf David LaChapelle treibt die blondierte Meerschaumjungfer ins kitschig-hedonistsiche Südseeparadies. „Rebirth of Venus“ ist ein solcher Hochglanz, sexy ist da gar nichts mehr.

Ganz anders bei Lady Gaga, für ihr Album „Artpop“ verwandelte sich die Pop-Diva in eine Vamp-Venus. Das Kleid dazu kam aus der Kollektion von Dolce & Gabana, der Stoff besteht aus fragmentierten Einzelbildern der „Primavera“, Locken, Kleid, Arm, Gesicht. Das Studio der Designer hat zwei Modelle nach Berlin geschickt. Verblüffend, wie diese Bildausschnitte an scharfe Youtube-Cuts erinnern. Cleveres Marketing „made by renaissance“.

150 internationale Exponate, 50 Werke von Sandro Botticelli

Ein schöner Gegensatz zur Poesie des ägyptischen Fotografen Youssef Nabil gegenüber. Er ging früher mit der Primavera ins Bett, die dort als Reproduktion hing. In den Uffizien hat er sich vor dem Gemälde liegend fotografiert. Doch Venus hat längst die europäischen Grenzen überschritten. Der Maler Yin Xin hat sie mit schwarzem Haar und enger Augenform ganz dem asiatischen Schönheitsideal anverwandelt. Und natürlich holte auch Andy Warhol die Italienerin als hippes Pop-Art-Girl in die 80er-Jahre. Ein Hingucker aus seinem Museum in Pittsburgh ist ein in die Jahre gekommener „Amiga 1000 Computer“, Warhol entwickelte den Kopf der Venus als digitales Cover der Software. Bei Viz Muniz ist die Schaumgeborene ganz zur abgetakelten Göttin des Konsumschrottes mutiert – ihr Körper besteht aus alten Computerteilen und Schrauben. Valie Export liebäugelt mit der feministischen Theorie und zeigt Madonna nicht mit dem Kind, sondern mit einem Staubsauger im Arm, den sie hält wie ein Maschinengewehr.

Weppelmann und sein Mitstreiter Ruben Rebmann haben für die rund 150 Werke die große Wandelhalle der Gemäldegalerie umfunktioniert, sie mit Wänden verschlossen und in ein schummriges Botticelli-Universum verwandelt. Und dort, wo sonst die Alten Meister an den Wänden hängen, thront jetzt ein David LaChapelle mit seinen Silikon-und Glamour-Ikonen.

Der dritte Teil ist ein Coup, nicht allen Kunstgeschichtlern wird er wohl gefallen. Unverhofft starrt der Besucher auf ein schwarzes Loch an der Wand: Ein goldener Schinkel-Rahmen, leer, ohne Gemälde. Eine suggestive Metapher auf die Leerstelle Botticelli, der als Künstler bis 1750 nirgends erwähnt war. An den eingezogenen Schieferwänden geht es um den „echten“, wahren Maler, den Maler der Madonnen, den Porträtisten, den Dante-Zeichner. Was bleibt jenseits der zahlreichen Projektionen von seinem Mythos übrig? Zu sehen sind etliche Porträts, Madonnen und mythische Szenen, ausgeliehen von vielen internationalen Museen. Nur: Den Titelkärtchen fehlt allesamt der Name Botticelli. Wer schaut, erkennt: Die Malweise der Bilder unterscheidet sich, ebenso die Farbgebung. Die Urheberschaft ist nicht wirklich gesichert. Der Clou besteht darin, dass Weppelmann & Co. die Deutungshoheit dem Besucher überlassen, das Museum aber als Forschungsinstitution hinterfragen.

Am Ende weiß keiner, ist das ein Original oder nicht. Neben Meisterleistungen der Charakterisierung ist hier wohl manche Arbeit der großen Werkstatt zu sehen, die Botticelli damals führte. Von rund 500 Werken hat der Meister nur zwei signiert. Doch die Erlösung naht. In einem flammend roten Andachtsraum hängen sie, die zwei einzig signierten: eine hauchzarte Federzeichnung zu Dante und die grandiose „Mystische Geburt“.

Gemäldegalerie, Matthäikirchplatz
Di–Fr 10–18 Uhr, Do 10-20 Uhr, Sa/So 11–18 Uhr. Bis 24. Januar. Zeitfenster-
Ticket: 14 Euro. Katalog: 45 Euro