Kultur

Zwei Landsleute unter sich

Martha Argerich und Daniel Barenboim begeistern in der Philharmonie

Beethoven, immer wieder Beethoven: Wenn Martha Argerich mit Orchester spielt, pflegt sie ein stark begrenztes Repertoire. Beethovens Klavierkonzerte Nr. 1, 2 und 4 und Schumanns a-Moll-Konzert – das scheinen die ewigen Lieblinge der argentinischen Klavierlegende zu sein. Jahrzehntelang in ihren Fingern gespeichert, tief im Gedächtnis verwurzelt. Martha Argerich braucht diese Sicherheiten, um überhaupt auf die Bühne kommen zu können. Lampenfieber und Panikattacken plagen die mittlerweile 74-Jährige bis in die jüngste Zeit.

Erst Anfang April hatte sie ihren Kammermusikauftritt mit Stargeiger Gidon Kremer absagen müssen – ein Konzert im Rahmen von Barenboims Festtagen 2015. Diesmal nun sorgt Barenboim dafür, dass die Pianistin das Podium der Philharmonie beschreitet. Auf dem Programm natürlich: Beethoven. Argerich-Fans beginnen zu spekulieren. Bahnt sich hier ein Berliner Beethoven-Zyklus an? Nach dem C-Dur-Konzert op. 15 von vor zwei Jahren widmen sich Argerich und Barenboim jetzt dem B-Dur-Konzert op. 19.

Die Staatskapelle beginnt freundlich und gefällig. Nach dem etwas schläfrig anmutenden Seitenthema greift Barenboim erstmals richtig durch – und spitzt den Rest der Orchesterexposition im Stil einer Mozartschen Opernouvertüre zu. Martha Argerich steigt mit recht perkussivem Anschlag ins musikalische Geschehen ein. Doch das währt nicht lange: Blitzschnell schaltet sie auf weich und poetisch. Gerade diese jähen Stimmungswechsel auf engstem Raum sind es, die Argerichs Beethoven so reizvoll machen.

Denn die Musik hat dadurch plötzlich alles: Forschheit und Behaglichkeit, rhythmische Prägnanz und atmosphärische Weiten, romantische Versunkenheit und kühle Klarheit. Martha Argerich reagiert intuitiv und mit feinstem Ohr auf Barenboims Orchestergesten. Ihr Beethoven wirkt frisch und launisch, aber auch ohne wirkliches Risiko. Ganz ehrlich: Für Martha Argerichs phänomenale Finger bedeutet das zweite Klavierkonzert keine große Herausforderung. Die Pianistin befindet sich auf familiärem, bestens erkundetem Terrain. Selbst die virtuosesten Stellen verwandeln sich unter Argerichs Händen zu Spaziergängen. Mit einer Ausnahme: die verwegene Solokadenz des Kopfsatzes, ein Charakterstück von Schumannschen Ausmaßen. Weit lehnt sich Martha Argerich hier aus dem Fenster der Musikgeschichte, scheint für ein paar Momente zu vergessen, dass sie sich in einem Beethoven-Konzert befindet.

Wie zum Beweis, dass sie auch mit über 70 Jahren noch zu artistischen Glanzleistungen fähig ist, rast die Argentinierin im Anschluss durch Scarlattis d-Moll-Sonate K 141. Vor den Publikumsohren explodiert ein Zugabenfeuerwerk. Wild wirbeln die Tonrepetitionen, Martha Argerich groovt und schäumt gewaltig. Barenboim sitzt derweil als Zuhörer hinter den ersten Streichern am Orchesterrand. Nach der Pause ist es wiederum Martha Argerich, die ihren Landsmann und Freund von Block A aus hörend unterstützt – bei Edward Elgars feierlicher 1. Sinfonie. Ein für die englische Musikgeschichte epochales Werk, das sich in Deutschland allerdings nie durchgesetzt hat. In Barenboims pathetischer Interpretation lassen sich nun auch Wagner und sogar Tschaikowsky als Quellen erkennen. Die Staatskapelle macht ihre Opernerfahrung wunderbar geltend, bietet breiten Ausdruck und triumphale Leidenschaft.