Konzertkritik

Mix aus Domptöse und Katzenfrau: Ella Eyre in Berlin

Das Astra Kulturhaus ist nicht die richtige Location für Ella Eyre. Ihre Popsongs mit R’n’B-Einschlag sind konzipiert für die ganz großen Bühnen. Eigentlich braucht Eyre hinter sich mindestens einen Breitband-LED-Screen, zwei Glitterkanonen, vierzehn Windmaschinen, Pyroeffekte, eine Armee an merkwürdig gekleideten Backgroundtänzern und, ganz klar, einen im Boden versteckten Aufzug, mit dem sie sich auf die Bühne schießen lassen kann. Stattdessen herrscht im Astra Turnhallencharakter vor – das passiert, wenn der Club nicht ausverkauft ist.

Auf der Bühne steht ein weißes Schlagzeug, dahinter hängt ein schwarzes Tuch mit aufgedrucktem Kronenlogo. Quer darüber, in bedeutungsvoll großen Buchstaben, der Name der Künstlerin. Die vielen, hingebungsvollen Mädchen, die beim Auftritt einer Popsängerin zu erwarten waren, sind da. Sie drängen sich vor der Bühne, die Handys im Anschlag. Es sind auch ziemlich viele Jungs gekommen. Erstaunlich, zunächst.

Zuerst kommt Ellas Band auf die Bühne. Vier Männer in sauber aufbereitetem Indie-Style, schwarz-weiß, enge Hosen, betont verwaschene Shirts. Dazu zwei Backgroundsängerinnen, damit ist die Bühne auch fast voll. Dann: rauschender Applaus, Eyre sprintet auf die Bühne. Schlagzeug und Bass dröhnen ein Intro durch die Halle, den Rest übernimmt Eyres Stimme. Lasziv kreist sie mit den Hüften, während sie einen Typen singend zum Teufel schickt: „Just take that pain and let that motherfucker burn“, das Publikum jubelt.

Das Erste, was einem an Ella Eyre auffällt, ist ihr unfassbares Haar. Die unglaublich voluminösen Locken lenken für einen Moment tatsächlich von ihrem sehr, sehr engen Outfit ab. Ihr Dekolleté preist Eyre den Fans ausgeschlagen in einem Leopardenprint an. Der Rest ihres Körpers steckt in einem hautengen, schwarzen Jumpsuit, weitere Leopardenapplikationen schlagen sich wie Flammen an ihren Beinen entlang. Ella Eyre dreht sich um – der Taucheranzug ist rückenfrei. Jetzt ist klar, was die vielen Herren hierher gelockt hat.

Ihre Stimme sprengt schier das Astra Kulturhaus, auch ohne Mikro könnte man sie gut hören. Wer den Eurovision Song Contest liebt, der ist bereits mit Eyres Songwriterqualitäten in Kontakt gekommen. Sie hat nämlich den jüngsten deutschen Beitrag „Black Smoke“ geschrieben. Zwar hat sich die Hamburgerin Ann Sophie, die anstelle von Andreas Kümmert in Wien angetreten ist, damit nicht mit Ruhm bekleckert, die Reichweite der Songs von Ella Eyre sollte damit geklärt sein.

Ella Eyres Bühnenpräsenz changiert zwischen Domptöse und Katzenfrau. Sie steht jetzt lasziv am flitterbezogenen Mikroständer, dann tanzt und headbangt sie über die Bühne. Himmelt auf Knien ihren Gitarristen an, „Take me“ verlangt sie. Das Set ist durchorchestriert, es gibt keine Verschnaufpause. Gegen Schluss der Standardsatz: „Ich bin froh, dass ihr gekommen seid“. Auf den Pullis, die die Sängerin ihren Fans verkauft, steht übersetzt „Miau“ – natürlich auf Brusthöhe.