Kultur

Zwischen Domptöse und Katzenfrau: Ella Eyre in Berlin

Ella Eyres Stimme sprengt schier das Astra-Kulturhaus, in hautengem Outfit zieht sie die Fans in Berlin in ihren Bann.

Ella Eyre im Juli in Manchester, die wilde Mähne und hautenge Anzüge gehören zu ihren Markenzeichen

Ella Eyre im Juli in Manchester, die wilde Mähne und hautenge Anzüge gehören zu ihren Markenzeichen

Foto: dpa Picture-Alliance / Famous / picture alliance / ZUMAPRESS.com

Nein, das Astra Kulturhaus ist nicht die richtige Location für Ella Eyre. Ihre Popsongs mit R ‘n’ B-Einschlag sind konzipiert für die ganz großen Bühnen.

Eigentlich braucht Eyre hinter sich mindestens einen Breitband-LED-Screen, zwei Glitterkanonen, vierzehn Windmaschinen, Pyroeffekte, eine Armee an merkwürdig gekleideten Backroundtänzern und, ganz klar, einen im Boden versteckten Aufzug, mit dem sie sich auf die Bühne schießen lassen kann.

Stattdessen herrscht im Astra Turnhallen-Charakter vor – das passiert, wenn der Club nicht ausverlauft ist. Plötzlich wirkt der Raum furchtbar groß, man erkennt die rustikale Holzlamellen-Verkleidung der Wand und die traurig-grauen Deckenleisten.

Nach drei Songs ist die Location Nebensache

Auf der Bühne steht ein weißes Schlagzeug, dahinter hängt ein schwarzes Tuch mit aufgedrucktem Kronenlogo. Quer darüber, in bedeutungsvoll großen Buchstaben, der Name der Künstlerin.

Die vielen, hingebungsvollen Mädchen, die beim Auftritt einer Popsängerin zu erwarten waren, sind da. Sie drängen sich vor der Bühne, die Handys im Anschlag. Es sind auch ziemlich viele Jungs gekommen. Erstaunlich, zunächst.

Zuerst kommt Ellas Band auf die Bühne. Vier Jungs in sauber aufbereitetem Indie-Style, schwarz-weiß, enge Hosen, betont verwaschene Shirts, haufenweise Dreiecke. Dazu zwei Backgroundsängerinnen, damit ist die Bühne auch fast voll.

Dann: rauschender Applaus, Eyre sprintet auf die Bühne. Schlagzeug und Bass dröhnen ein Intro durch die Halle, den Rest übernimmt Eyres Stimme. Lasziv kreist sie mit den Hüften während sie einen Typen singend zum Teufel schickt: „Just take that pain and let that motherfucker burn“, das Publikum jubelt. Drei Nummern wird sie spielen, bevor sie Zeit hat „Berlin“ zu begrüßen. Das Publikum ist längst in ihrem Bann, die halb gefüllte Location Nebensache.

Ella Eyre schrieb Deustchlands Grand-Prix-Song

Das Erste, was einem an Ella Eyre auffällt, ist ihr unfassbares Haar. Die unglaublich voluminösen Locken lenken für einen Moment tatsächlich von ihrem sehr, sehr engen Outfit ab. Ihr Dekolleté preist Eyre den Fans in einem Leoparden-Print an. Der Rest ihres Körpers steckt in einem hautengen, schwarzen Jumpsuit, weitere Leoparden-Applikationen schlagen sich wie Flammen an ihren Beinen entlang.

Es ist ein Outfit, das im Alltagsleben wohl eher als Taucheranzug durchgehen würde. Ella Eyre dreht sich um – der Taucheranzug ist rückenfrei. Jetzt ist klar, was die vielen Herren hierher gelockt hat. Die Sängerin sieht aus wie eine Mischung aus Beyoncé und Nicki Minaj und, noch besser: tatsächlich klingt sie auch so. Ihre Stimme sprengt schier das Astra-Kulturhaus, auch ohne Mikro könnte man sie verdammt gut hören.

Wer den Eurovision Song Contest liebt, der ist bereits mit Eyres Songwriter-Qualitäten in Kontakt gekommen. . Zwar hat sich die Hamburgerin Ann Sophie, die anstelle von Andreas Kümmert in Wien angetreten ist, damit nicht mit Ruhm bekleckert, die Reichweite der Songs von Ella Eyre sollte damit aber geklärt sein. Nicht umsonst kommt sie aus der Kaderschmiede wo bereits Adele und Amy Winehouse studierten.

Sie kratzt und schnurrt

Ella Eyres Bühnenpräsenz changiert zwischen Domptöse und Katzenfrau. Sie kratzt und schnurrt nicht ganz so betörend wie Cat-Woman Michelle Pfeiffer 1992 in Batman Returns, denn Eyres R ’n’ B-Pop ist Teenager-gerecht, verrucht aber nicht wahnsinnig.

Passenderweise heißt das aktuelle Album „Feline“. Das bedeutet so etwas wie katzenartig. Mit putzigen Katzenbabys hat Eyres Show allerdings nichts zu tun: Zur Bestätigung posiert die Sängerin auf dem Cover von „Feline“ neben einem Löwen. Wer es zu einem Popsuperstar bringen will, der braucht auch im Bezug auf Symboltiere keine kleinen Brötchen zu backen.

Das Set ist durchorchestriert, keine Verschnaufpause

Eyre steht jetzt lasziv am flitterbezogenen Mikroständer, dann tanzt und headbangt sie über die Bühne. Himmelt auf Knien ihren Gitarristen an, „Take me“ verlangt sie. Das Set ist durchorchestriert, es gibt keine Verschnaufpause.

Gegen Ende der Standardsatz: „Ich bin froh, dass ihr gekommen seid“. Eigentlich braucht sie gar nichts zu sagen. In England haben ihre Fans bereits einen Namen, etwas, das von Superstarqualitäten zeugt: sie nennen sich die Eyreheads. Erkennen kann man sie am verwegenen Kätzchen-Merchandise. Auf den Pullis, die die Sängerin ihren Fans verkauft, steht übersetzt „Miau“ - natürlich auf Brusthöhe.