Klassik-Kritik

Wolfgang Rihm lässt in den Rachen des Tigers schauen

Beim Musikfest wird seine „Musik für 3 Streicher“ gespielt

Wer hässlich sein will, muss diesmal Haare lassen. Wolfgang Rihms „Musik für 3 Streicher“ lässt den Geiger Ilya Gringolts, den Bratscher James Boyd und den Cellisten Nicolas Altstaedt zwischen den Sätzen gleich büschelweise zerrissene Haare aus ihren Bögen rupfen, so sehr setzt er Klänge wie Rasierklingen oder vielmehr Sägeblätter ein. Das hält kein Geigenbogen aus. Es ist ein Gemetzel zum kammermusikalischen Abschluss des Musikfestes, chirurgisch virtuos.

Zu Beginn des Kammerkonzerts widmen sich die Neutöner-Musketiere Arnold Schönbergs innigem Streichtrio. Dieses Spätwerk des damals schon 70-Jährigen ist ein formbefreites Gespinst loser musikalischer Gedanken. Der Komponist benennt ganz neutral einen ersten, zweiten und dritten Teil, verbunden durch zwei ebenso nicht weiter charakterisierte „Episoden“. Als gebe er seiner musikalischen Lyrik Atempausen. Durchscheinende Traumsequenzen tauchen auf, die Viola beginnt einen Ton, die Geige pflückt ihn aus der Luft und schnippt ihn als Pizzicato zurück an den blauen Himmel. Dieser öffnet sich im nächsten Moment, Rubato-Klänge der drei Streicher verbinden sich zu einem zauberischen Energiestrom, der irgendwie zu den Sternen schwebt. Aber der Zuschauer ist bis in Sphären dabei, in denen ihm längst der Atem gestockt sein müsste.

Das sind kostbare Momente, viele davon gestaltet das nur für den Augenblick zusammengekommene Trio, die drei Solistenfreunde, die sich vor aller Augen wunderbar inspirieren. Genauso hat Schönberg sein Werk angelegt. Drei Virtuosen beflügeln einander, sammeln zuletzt Erinnerungsfetzen an den Beginn des Stückes und fügen sie noch einmal zusammen, so ein Stück Ewigkeit sich bis unter die Kuppel des Kammermusiksaals wölbt.

Nach der Pause gelingt dem Trio ein Kunststück. Sie lassen Wolfgang Rihms Werk beginnen, als knüpfe es nahtlos an Schönbergs Werk an. Auch er schöpft alle Klangmöglichkeiten dieser Besetzung aus, weitet sie. Die Geige schreit wie ein Kind, die Viola schiebt das Zirpen einer Grille dazwischen und das Violoncello hüllt alles in einen Ebenholzton, eine hörbare Farbe, eine Mischung aus Duft und Temperatur. Der bei der Komposition, 1977, gerade 25-jährige Wolfgang Rihm schöpfte alle Dimensionen aus, sowohl zeitlich, das Werk dauert eine Stunde, als auch dynamisch. In kompakter Form klingen die drei Streicher wie ein ganzes Orchester, ihre Gesichter sind oft schmerzverzerrt.

Ilya Gringolts ist in diesem Kammerspiel gewissermaßen der Wolf, James Boyd der Grizzly, und Nicolas Altstaedt öffnet den Rachen des Tigers. Gleich darauf ist die Musik nicht mehr hör-, nur noch fühlbar im Raum, um erneut durch die Erde zu brechen. Gesanglich, übersprudelnd vor Ideen, sie im Stück selbst zerreißend, gleich darauf Beethoven zitierend, assoziierend. Diese Passage greift sich das Trio besonders beherzt und formt wunderbar konkrete, sehnsuchtsvolle Fantasiebilder. „Ihr habt aus meinen Punkten auf Papier Musik gemacht“, bedankt sich Wolfgang Rihm später bei den Dreien. Ein Nachmittag der Wahrhaftigkeit.