Kultur

Reisen und fliehen

Weltmusik-Folk während der Flüchtlingskrise: Beirut liefert den Sound für die Fahrten ins Ungewisse

Vorne am Mikro steht der Mann, der das Herz von Beirut ist: Zach Condon trägt ein schwarzes Shirt zu heller Stoffhose, in die wilden Locken hat er sich einen kleinen Seitenscheitel getrimmt, die Trompete steckt unter seinem Arm.

„Hello Berlin,“ sagt er und erntet Jubel. Darauf hebt Condon kumpelhaft die Hand und bläst ins Instrument. Dann singt er „Scenic World“: „When things don’t feel right, I lie down like a tired dog“. Es ist ein Stück, das Condon vor über zehn Jahren in seinem Schlafzimmer im US-Staat New Mexico geschrieben hat, im Kopf steckten die Pläne einer Reise nach Europa.

In der ausverkauften C-Halle ist es wie immer, wenn keiner mehr reinpasst, unerträglich heiß. Kein Wunder, dass so viele gekommen sind, schließlich ist das heute nicht nur das einzige Deutschlandkonzert von Beirut sondern auch das erste seit fast vier Jahren. Wenn der Beirut-Chef den Arm ausschüttelt, um sich vom Spielen zu erholen, kann man auf seinem Handgelenk eine Trompete tätowiert sehen. Schon in der High-School war Condon als Jazz-Trompeter engagiert.

Auch wenn er nur wenig mit dem Publikum spricht, wirkt Zach Condon doch gelöst, um nicht zu sagen, fröhlich. Dabei musste man sich in den vergangenen Jahren ja eher Sorgen um den jungen Mann machen, den man 2006 mit seinem ersten Album „Gulag Orchestra“ als Wunderkind gefeiert hatte. Um ein Haar hätte es kein weiteres Beirut Album mehr gegeben, Condons Gedanken kreisten in den letzten Monaten tatsächlich um einen Ausstieg aus der Musik. Die letzten Jahre waren nicht einfach für Zach Condon, hinter ihm liegt, was man als Burn-Out oder – wenn Condon nicht erst 29 Jahre alt wäre – als Midlife-Krise diagnostizieren könnte. Scheidung, Tour-Abbruch, Krankenhaus. Sinnkrise und Schreibblockade gab es gratis dazu.

Glücklicherweise entstand aus diesen schwierigen Voraussetzungen dann doch noch ein Album. Eines, das zwar „No, No, No“ heißt, aber nach „Yes, Yes, Yes“ klingt. Fürs zweite Stück greift Condon zur Ukulele, spielt ein weiteres frühes Stück, den „Elephant Song“. Dann auch ein Stück des neuen Albums „Gibraltar“. Würden er und seine sechsköpfige Band nur die aktuellen Songs spielen, wäre der Abend hingegen schnell vorbei – „No, No, No“ dauert nur neunundzwanzig Minuten und siebzehn Sekunden.

Besonders empfiehlt sich Beiruts Weltmusik-Folk dann, wenn man selbst unterwegs ist. Die gleichermaßen beruhigende und enthusiastische Wirkung der Songs funktioniert schon bei kleineren Trips. Zum Beispiel mit dem öffentlichen Nahverkehr, ob von Hellersdorf nach Blankenfelde oder auch nur vom Alex zum Kotti. Im Beirut-Querschnitt schafft man es sogar so gut wie einmal um die Welt. Von „Postcards from Italy“, in das wilde „Rhineland, Heartland“, von „Gibraltar“ nach „Santa Fe“.

Zu den Stücken heute Abend muss man eigentlich Tanzen. Weil es zu voll ist, bleibt es aber weitgehend bei enthusiastischem Kopfnicken. Nur ganz hinten, fast am Ausgang, Walzern zwei Mädchen. Am Ende gibt er vier Zugaben, eigentlich will man ihn nicht gehen lassen. Viele haben die Augen geschlossen, wiegen sich zu den Trompeten und Bässen. Was an Beirut besonders fasziniert, ist Condons Stimme, man kann ihm stundenlang beim Singen zuhören.

Auf dem Weg nach Hause brennt in der Jahn-Sporthalle am Columbiadamm noch Licht. Hinter großen Glasscheiben sitzen Flüchtlinge und schauen auf den leeren Gehsteig.