Kultur

Die Unterwelt ist voller Bildschirme und Plastik

Susanne Kennedy zeigt „Orfeo“ im Martin Gropius Bau

War ja klar, dass es in der Unterwelt nicht besonders gemütlich sein würde. Dunkel, kalt, feucht, bevölkert von verwegenen Gestalten. Die meisten stellen sich das so vor, nicht aber Regisseurin Susanne Kennedy. Bei ihr ist es im Martin Gropius Bau auch nicht gemütlich, aber anders, es ist von scheußlicher Pastelligkeit, ein Kleinbürgeralbtraum mit Zimmerspringbrunnen, akkurat ausgerichteter orangener Plastikgießkanne auf dem Sims der Kaminattrappe und hinter den Gardinen keine Welt, sondern flimmernde Bildschirme. Es gibt ein Wohnzimmer, eine Küche, ein Bad und weitere Räume. Und es gibt Eurydike. Mehrere sogar. Alle sehen gleich aus, mit blonder, strohiger Perücke, weißen Plastikschuhvariationen und Silikonmasken, die ihre Mimik erstarren lassen.

Ihren Ausflug vom Diesseits ins Jenseits nennen Kennedy, die ab 2017 zum neuen Volksbühnen-Team um Chris Dercon gehört, und ihre Mitregisseurinnen Suzan Boogaerdt und Bianca van der Schoot „Orfeo“. Untertitel: „Eine Sterbeübung“. Sie beziehen sich auf Claudio Monteverdis Oper „L’Orfeo“ und den Mythos, nachdem Orpheus seiner Geliebten Eurydike in die Unterwelt nachsteigt, um sie zurückzuholen.

Klar, dass es in der Unterwelt nicht besser wird. Weil sich da aber keiner so richtig auskennt, werden wir, die wir zu acht den Parcours durchwandern, mit den wichtigsten Benimmregeln ausgestattet: Nicht umdrehen. Nicht ans Leben klammern. Loslassen. Das sollen wir hier lernen und bekommen vorgeführt, wie man es nicht macht. Von den Eurydikes, die uns in ihren sterilen Zimmern, die die Welt hyperrealistisch imitieren, anstarren, musternd, lauernd und tieftraurig. Dazu schwappt, extrem fragmentiert, mal bis zu einem Brummen verlangsamt, mal melancholisch wabernd, Monteverdis Musik in die Räume, durch Lautsprecher oder als Nachhall aus den Nachbarzimmern.

Verantwortlich für den zerlegten Monteverdi ist das Berliner Solistenensemble Kaleidoskop, das man ganz am Schluss hinter einer Gardine live spielen sieht. Da sind wir schon im Sterbezimmer. Und hatten, in einem schneeweißen Raum, jeder ganz allein auch eine Begegnung mit Orpheus. Ein beglückend schöner Moment, wie Bariton Hubert Wild einem seine Klage-Arie so sehnend und ungebrochen entgegen singt. Übers Sterben aber haben wir höchstens gelernt, was wir schon immer vermuteten: Ist nicht so schön.

Martin Gropius Bau. Termine: 26., 27., 30.9. und 1. bis 4.10. Jeweils 10 bis 19 Uhr. Alle zehn Minuten Einlass für acht Personen