Konzert  im Huxleys

The Sweet lassen ihr Publikum in 70er-Nostalgie schwelgen

The Sweet können wieder Rockclubs wie das Berliner Huxleys ausverkaufen. Und für das überwiegend ältere Publikum ist Nostalgie kein Witz.

The Sweet touren wieder - und geben in Berlin sogar ein Zusatzkonzert

The Sweet touren wieder - und geben in Berlin sogar ein Zusatzkonzert

Foto: picture alliance / Johannes Ehn

In den 70er-Jahren galten sie als Teenager-Phänomen, echte Rockfans verschmähten The Sweet jedoch als Bubble-Gum-Pop für Mädchen und hörten höchstens heimlich deren unverschämt eingängige Hits wie „Action“ oder „Fox On The Run“. Erst als Bands wie Kiss, Def Leppard, Mötley Crüe oder Guns ‚N’ Roses The Sweet als Einfluss nannten (man erinnere sich auch an den Film „Wayne's World“, in dem Tia Carrere im Finale „Ballroom Blitz“ covert), setzte eine späte Rehabilitierung ein, was man auch daran merkt, dass die vier Briten, deren Einflussgebiet sich lange auf Schlager-Partys und Fernsehgärten beschränkte, wieder Rockclubs wie das Huxleys ausverkaufen können.

Natürlich hat man es bei The Sweet längst nicht mehr mit dem Original zu tun. Lead-Sänger Brian Connolly starb 1997, Schlagzeuger Mick Tucker 2002. In Europa ist Gitarrist Andy Scott das einzige Gründungsmitglied auf der Bühne, in den USA hat Bassist Steve Priest das Exklusivrecht, unter dem Namen The Sweet aufzutreten. Es existieren heute also zwei rivalisierende Aufgüsse der Band, die sich vertraglich verpflichtet haben, dem anderen nicht in die Quere zu kommen.

Zusatz-Konzert Ende Oktober

Dass der Andy-Scott-Aufguss auf seiner "Finale"-Abschiedstournee auf so viel Nachfrage stößt, verwundert da fast. Das Huxleys ist bis in die hintersten Reihen gefüllt, Ende Oktober wird es sogar noch ein Zusatz-Konzert geben, für alle, die keine Karten mehr bekommen haben. An den Türen weisen Zettel darauf hin, dass der heutige Abend für eine DVD aufgezeichnet wird, Kameras schwenken links und rechts über das Publikum. Schon in den ersten zwanzig Minuten feuert die vierköpfige Band Hits wie „Little Willy“, „Wig Wam Bam“ und „The Six Teens“ ab, wobei die Besucher vor allem die Refrains mitsingen.

Im Gegensatz zu ehemaligen Glam-Rockern wie David Bowie ist Andy Scott nicht gut gealtert. Die platinblonde Ponyfrisur kontrastiert stark mit dem Rest, der irgendwie an einen der niedlich-dicklichen Gorgs aus Jim Hensons Puppenshow „Fraggles“ erinnert. Neben dem agilen Sänger und Silberfuchs Pete Lincoln wirkt er zudem erstaunlich bewegungslos und oft auch irgendwie verzagt. Vielleicht hat er die alten Lieder einfach nur ein paar hundert mal zu oft gespielt? Scotts Gitarrensolos sind dafür virtuoser denn je, und wenn seine Haare ab und zu dramatisch im Ventilatorwind wehen, meint man sogar, einen Hauch des alten Glamour wiedererkennen zu können.

Und alle schmettern die Refrains

Der neue Song „Defender“ wird vom Publikum höflich ausgesessen, dann setzen sich Scott, Lincoln und Keyboarder Tony O’Hora für einen offenbar der DVD geschuldeten, atmosphärischen Unplugged-Mittelteil auf Barhocker und geben die Gassenhauer „Co Co“, „Funny Funny“ und „Poppa Joe“ auf Akustik-Gitarren zum Besten. Wieder sind es die Refrains, die auch ohne musikalische Opulenz lauthals vom Publikum zurückgeschmettert werden. Vereinzelt sieht man junge Männer mit ironischen Schlager-Party-Perücken, die jedoch von den überwiegend älteren Besuchern scheele Blicke ernten: Ihre Nostalgie ist kein Witz.

Danach geht’s weiter mit E-Gitarren und Schlagzeugsolo. Bei Songs wie „Hellraiser“ und „Teenage Rampage“ fällt wieder auf, wie viele unzerstörbare Melodien The Sweet im Laufe der 70er Jahre doch geschrieben haben. Bei den Synthie-Fanfaren des bombastischen Glam-Rock-Opus „Love Is Like Oxygen“ schwenken alle Hände durch die Luft, auch die Zugaben „Blockbuster“ und „Ballroom Blitz“ werden abgefeiert. Am Ende lässt sich die Band zu triumphalen 70er-Jahre-Gitarrenriffs vom Band in den verdienten Feierabend klatschen. Anschließend ertönt noch einmal „Defender“ aus den Boxen, während sich die Menge erstaunlich schnell zum Ausgang schiebt.