Kultur

Selbstauslöschung auf dem Oktoberfest

Münchner Komatrinken: Der „Tatort“ weiß die leicht irritierenden Rituale des bayerischen Rummels einzufangen

Eine der besten „Tatort“-Folgen der vergangenen Jahre hieß „Der tiefe Schlaf“ und wurde 2012 ausgestrahlt. Es ging um ein 15-jähriges Mädchen, das nachts auf dem Heimweg seinen Bus verpasste, dann in das Auto eines Fremden stieg und Wochen später tot aufgefunden wurde, missbraucht und grausam zugerichtet. Batic und Leitmayr waren die ermittelnden Kommissare, flankiert von einem nervtötenden, weil übereifrigen Assistenten namens Gisbert Engelhardt.

Die Folge verstörte brutal, weil sie etwas riskierte. Am Ende war der Täter nämlich genau das, was er für das Mädchen gewesen war: Ein Fremder. Ein Niemand, den die Kommissare nie zuvor verdächtigt oder auch nur gesehen hatten. Ein mittelalter Durchschnittsmann ohne weitere Eigenschaften, durch reinen Zufall nachts auf derselben Straße unterwegs wie sein Opfer. In einer Rückblende sah man ihn am Ende neben dem Mädchen halten. Man hörte ihn sagen, er könne sie doch mitnehmen. Steig doch ein, sagte er. Bitte steig nicht ein, dachte der Zuschauer.

Man sieht sie gern, die beiden weißlockigen Kommissare Batic und Leitmayr, wie sie sich da so durch ihr Städtchen an der Isar granteln. Aber seit dem „Tiefen Schlaf“ weiß man auch, wie groß sie werden können. Und vielleicht hat ihnen das nicht gut getan. Erwartungen sind die Vorbedingung für Enttäuschungen. „Die letzte Wiesn“ heißt der Film von Regisseur Marvin Kren, gedreht wurde er tatsächlich auf dem vergangenen Oktoberfest 2014. Das Timing stimmt, gerade wurde wieder angezapft und der zauberhafte bayerische Innenminister Joachim Herrmann hat sich besorgt darüber gezeigt, dass die muslimischen Flüchtlinge in München den Umgang mit „massiv alkoholisierten Menschen in der Öffentlichkeit“ nicht gewohnt seien. Recht hat er, alle sind komplett besoffen. Das gilt für die Schwedinnen, die Leitmayr in seiner Wohnung einquartiert, weil er die Stadt während der Wiesn gern fluchtartig verlässt. Komplett dicht ist der Italiener, den er kurz darauf in der U-Bahn versorgt, bevor er nach Italien aufbricht, um dort toskanische Häuser zu zeichnen. Und sternhagelvoll sind Batic und Leitmayr, weil dieser Italiener tot aufgefunden wird, Leitmayr nach München zurückkehren muss und sich dort mit dem Kollegen und dessen kroatischen Tanten sauber die Kante gibt.

Dazwischen das Oktoberfest. Das Klirren der Maßkrüge, die Lichter der Fahrgeschäfte, die Zelte. Die Aufläufe von feierwütigen Menschen, ameisenhaufenhaft. Ein Prosit der Gemütlichkeit. Man muss nur die Tonspur abschalten, schon ahnt man, dass dieser Veranstaltung nicht nur Ausgelassenheit und Vergnügen eigen sind, sondern auch die Sehnsucht nach Selbstauslöschung und Koma.

Diese irritierende Seite der Orgie bringt der Film gut zur Geltung. Jemand schüttet den Leuten Liquid Ecstasy ins Bier, und das kommt in Verbindung mit Alkohol nicht so gut. Warum macht einer so etwas? Es gibt einen Kreis von Verdächtigen, der rundherum befragt wird, und schließlich wird die Geschichte aufgelöst. Das ist nett anzusehen, routiniert erzählt und schnell vorbei, aber von Batic und Leitmayr dürfen wir mehr erwarten als Routine.

ARD, 20.15 Uhr