Konzert-Kritik

Dissonanzen einer Duschszene: Rattle dirigiert "Psycho"

Was Arnold Schönberg und Alfred Hitchcock verbindet

Die neo-romantischen Werke des dänischen Komponisten Carl Nielsen, der von 1865 bis 1931 lebte, haben es schwer, einen festen Platz im Konzertrepertoire zu finden. Umso begrüßenswerter ist es, dass der Komponist beim diesjährigen Musikfest einmal in den Mittelpunkt gerückt wird. Zumal die Berliner Philharmoniker an ihre Geschichte anknüpfen. Bereits ein Jahr nach der Uraufführung 1916 führten sie seine vierte Symphonie auf, die meistgespielte seiner Symphonien. Unter Sir Simon Rattle wenden sich die Philharmoniker jetzt wieder dem Werk zu. Die halbstündige Symphonie entfaltet sich in einem kontinuierlichen Fluss, lässt aber klare Episoden hervortreten. Im zweiten Satz "Poco allegretto" verführen die Holzbläser mit kammermusikalischer Zartheit. In dem verschwiegenen Pianissimo trägt Solo-Klarinettist Andreas Ottensamer prägnant gesangliche Melodien vor. Im folgenden Satz treten die Streicher mit Trauer und Gleichmut zugleich ein. Als die Holzbläser ihren bittersüßen Ton unterbrechen, gerät das Orchester in eine Art Auflösung, welche für Nielsens progressiven Platz in der Musikgeschichte spricht. Im Machtkampf zwischen jeweils zwei Pauken, die auf beiden Seiten der Bühnen stehen, wird die ganze kreative Energie hemmungslos entfesselt.

Nielsens als Naturszene für Orchester bezeichnetes "Pan und Syrinx" unterstreicht ebenfalls seine Instrumentationskunst. Mit pastoralen, ja märchenhaften Farben malt er die Verwandlung der Waldnymphe Syrinx in ein Schilfrohr, welche zur Panflöte wurde. Die Holzbläser der Philharmoniker vollführen hochkarätige Auftritte. Schwungvoll, aber zerbrechlich bleibt die Atmosphäre unter Rattles Leitung.

Für Nielsens Zeitgenossen Arnold Schönberg ist das Konzert in der großen Philharmonie ein weniger passender Rahmen. Denn der Komponist hat das Drama "Die glückliche Hand" als eine Art Gesamtkunstwerk aus Schall und Licht konzipiert, aber das kann in einer rein konzertanten Aufführung kaum zur Geltung kommen. Bariton Florian Boesch bringt den Wahnsinn des unerwidert verliebten Sprechers klar zum Ausdruck. Das zweite Bild lässt die filmisch bedrohliche Landschaft aus Bartoks Märchenoper "Blaubarts Burg" erahnen. Insofern ist es schade, dass Boesch und die Mitglieder des großartigen Rundfunkchors Berlin brav vor dem Publikum stehen. Das Stück schreit nach mehr Atmosphäre, nach mehr Lebendigkeit.

Als Einleitung in Schönbergs Werk dirigiert Rattle die Suite aus Bernard Herrmanns Filmmusik zum Alfred-Hitchcock-Thriller "Psycho". Die Philharmoniker spielen das Stück zum ersten Mal, in diesem Kontext ist es eine originelle Idee. Mag sein, dass die Attacken in den Streichern sehr knackig, manchmal zu energisch wirken. Dafür finden sich wunderbare Schattierungen in der strömenden Melodie, die sofort Hollywood in seinem ganzen Glamour vors innere Auge führen. Allerdings stellen nur die schreienden Dissonanzen zur berühmten Duschszene einen Bezug zu Schönberg her.

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