Theater

Hier wird auch mal der Zuschauer mit dem Revolver bedroht

Der Mann als überflüssiges Objekt: Das Stück „Mordsschwestern“ feiert Premiere im Renaissance-Theater

Freie Radikale: Nadine Schori und Christin Nichols sind die „Morschwestern“

Freie Radikale: Nadine Schori und Christin Nichols sind die „Morschwestern“

Foto: Katja Riemann

Magier Houdini muss in Chicago dran glauben, Lenin wird in Moskau erstochen, Literat Proust in Paris vergiftet. Denn wer den hübschen „Mordsschwestern“ Coco und Lola auf die Nerven geht, wird kurzerhand aus dem Weg geräumt – egal, wie berühmt er ist. Ihr blutiger Pfad durch das Europa der 20er-Jahre endet seit Freitag im Renaissance-Theater. Hier beichten sie im ausverkauften Bruckner-Foyer ihre Verbrechen. Und machen die Zuschauer der Theaterpremiere von „Mordsschwestern“ zu Komplizen.

Schrill, laut und lustig morden sich die Schauspielerinnen Nadine Schori und Christin Nichols als Lola und Coco durch ein Jahrzehnt. Sie tanzen, singen und schauspielern, streiten und schreien sich durch den Lebensweg der Schwestern. Dieser wird nicht nur von zahlreichen Leichen gesäumt, sondern ist auch ziemlich aufregend. Denn die Schwestern streben nach Höherem. Sie wollen sich nicht mit dem Leben in ihrer Heimat, dem „weißen Ghetto Chicagos“, abfinden. Stattdessen fliehen sie durch die illegalen Flüsterkneipen der Prohibition über den Atlantik nach Moskau, Paris und immer weiter bis ins Showbusiness nach Berlin. Dabei begegnen ihnen die populären Persönlichkeiten des vergangenen Jahrhunderts: Literat Hemingway, Tänzerin Josephine Baker, Künstler Zille. Doch nicht für alle endet die Begegnung mit Coco und Lola so heiter wie für das Publikum. Besonders der Mann hat nichts zu lachen Die Schwestern sind sich einig: „Man kann üben, keine Männer mehr zu brauchen und selbstständig zu sein. Üben wir!“.

„Hustende Männer vertragen kein Arsen“

Doch statt sich mit Worten zu emanzipieren, greifen die Schwestern lieber zu einem drastischen Mittel: Mord. „Ich feuerte zwei Warnschüsse ab – in seinen Kopf“, erklärt Nichols ironisch als Schwester Coco. Und Schori kommt als Lola zu der verblüffenden Erkenntnis: „Kleine, hustende Männer vertragen wohl einfach kein Arsen.“ Am Ende stehen sie sich und einer Weltkarriere als Showgirl selbst im Weg – mit Mord natürlich.

Unter der Regie von Janet Stornowski laufen Schori und Nichols im Schnelldurchlauf durch die letzten Jahre der Schwestern. In den satirischen Momenten entfaltet sich der Charme des Stücks. Wenn Schori, die das Stück auch schrieb, und Nichols aus ihren Rollen treten, Distanz zu ihren Charakteren zeigen, aus den 20er Jahren in die Gegenwart springen. Wenn Schori fragt: „Wollen wir noch ein Lied singen?“, und Nichols antwortet: „Nö, ich hab den Text nicht gelernt.“ Die Ironie entsteht aus dieser Überzeichnung der Figuren, aus ihrer Schrill- und Schrulligkeit - aus dem leichten Verfremdungseffekt des Stücks. Nur manchmal will das Spiel zu viel, ist zu schnell, mutet dann etwas künstlich an. Nach der Pause treten mehrere dieser Momente auf, gelegentlich fehlt dann die Stringenz und wird mit einem Lied überbuttert.

Flirten und Tanzen mit dem Publikum

Das Stück thront aber auf den Schultern von Schori und Nichols, die es zu tragen wissen. Nicht nur durch die enge Bestuhlung des Bruckner-Foyers entsteht dabei auch eine tiefere Bindung zum Publikum. Die Schauspielerinnen suchen vielmehr den Kontakt: Sie bedrohen die Zuschauer mal mit Revolvern, dann flirten sie, animieren zur Polonaise und betteln um Vergebung ihrer Sünden.