Klassik-Kritik

Ingo Metzmacher dirigiert das DSO beim Musikfest

Ingo Metzmacher dirigiert das DSO beim Musikfest Berlin

Auch das heißeste Höllengewölbe hat eine Hintertür. „Shaar“ heißt in einer kabbalistischen Sage das enge Tor zur Feuerleiter der Glückseligkeit. Iannis Xenakis übersetze das Ringen mit den Dämonen in mathematische Kurven und diese in Musik, in großen Bögen. Das Deutsche Symphonie-Orchester führt sie in der Philharmonie vor. Dann öffnet sich das Tor, ein langer Ton leitet ins Licht der Ewigkeit. Die Klangkurven beginnen sich gegeneinander zu verschieben, Spektralfarben sind zu hören, ein akustischer Regenbogen.

Der nächste Himmelsweg im Programm sind Gustav Mahlers „Kindertotenlieder“. Altistin Wiebke Lehmkuhl gerät schon mal gehörig ins Schwanken, wenn Dirigent Ingo Metzmacher das Orchester „In diesem Wetter“ hinausjagt, in den Schmerz hinein. Gespannt erwartet, die aufwendigste Produktion des gesamten Musikfestes: Arnold Schönbergs „Jakobsleiter“ mit 240 Instrumentalisten und Sängern. Der Sterbende ist bei Schönberg „ein sehr hoher Sopran, der mit sehr tiefer Stimme spricht“. Bei Edda Mosers erstem nur gesprochenem Wort „Herr“ geht ein Ruck durchs Publikum. Die Primadonna assoluta streift in der Musik alles Irdische ab. Während Edda Moser wieder Platz nimmt, folgen die Augen des Publikums ihrem letzten Ton zur Decke des Saales, wo Yeree Suh als ihre Seele weitersingt. Die Musik kommt nicht mehr nur von vorne, sondern umschließt den Zuhörer von allen Seiten.