Art Week Berlin

Sammler an die Macht

Berlin und seine Kunstkäufer: Auf der abc-Messe bespielen sie jetzt die alte Bananenhalle. Ein Besuch im alten Postfuhramt am Gleisdreieck.

Blick in die Bananenhalle am Gleisdreieck: Hier zeigen Berlins Sammler ihre Werke. Berlin - Eröffnung der Kunstmesse ABC in der Station am Gleisdreieck im Rahmen der BerlinArtWeeks (Foto: Jörg Krauthöfer)

Blick in die Bananenhalle am Gleisdreieck: Hier zeigen Berlins Sammler ihre Werke. Berlin - Eröffnung der Kunstmesse ABC in der Station am Gleisdreieck im Rahmen der BerlinArtWeeks (Foto: Jörg Krauthöfer)

Foto: Joerg Krauthoefer

Das Entree in der Bananenhalle ist furios: Einer Ophelia gleich schwimmt eine junge, nackte Frau, kopfunter, in einem wogenden Fluss. Der Fluss der Zeit, die Schönheit, der Tod, alles drin in diesem starken bewegten Bild. Das Video stammt von Ana Mendieta, die 37-jährige Kubanerin stürzte sich 1985 aus dem 34. Stockwerk ihres Appartements in den Tod.

Einige Meter weiter nimmt den Besucher gleich ein anderes Video in Beschlag: auch hier eine junge Frau, schön wie Botticellis Venus, nur dunkelhaarig, nackt wie die Schaumgeborene. Es ist die junge Künstlerin Hannah Wilke, eine anmutige Meeresjungfrau zwischen Fischen und Wasserpflanzen. Sie stellte sich für diese Aufnahmen einfach hinter ein Aquarium. Gleich neben dem Video liegen skulpturale Abformungen des weiblichen Geschlechts – sorgfältig aufgereiht wie große, farbige, schöne Muscheln auf einem Tablett. Wie Ana Mendieta hat auch Hannah Wilke ihren Körper gnadenlos für die Kunst eingesetzt. Er war ihr künstlerisches Kapital. Am Ende ihres Lebens, mit 53 Jahren, war ihr einst makelloser Leib zerstört – vom Krebs.

Zwei Künstlerinnen, zwei Sammler, von Mathias Döpfner und Julia Stoschek stammen diese Werke, die eine auffallende Verwandtschaft zeigen. Zwei von 20 Sammlern, die auf der abc, der zentralen Messe der Berlin Art Week, einzelne Arbeiten ihrer Kollektionen präsentieren. Dazu gehören Alexander Schröder, Ivo Wessel, Christian Boros, das Ehepaar Haubrok, das sein Domizil in der Fahrbereitschaft hat, und auch Thomas Olbricht, der gerade Cindy Sherman solo ausstellt.

Von den 105 Galerien kommt die Hälfte aus Berlin

Mit dieser Sonderausstellung stellt sich abc in diesem Jahr neu auf, setzt einen anderen Akzent. Gleich die ganze, mittlerweile sanierte Bananenhalle dürfen die Sammler großzügig bespielen. Die Anregung für das Projekt kam von den Sammlern selbst, die gut vernetzt sind: Mit „berlincollectors“ haben sich private, öffentlich zugänglichen Kunstsammlungen in Berlin zusammengefunden.

Ein ziemlich cleverer Schachzug der abc: In den zwei vorderen Hallen zeigen 105 Galerien ihre Künstler, und nebenan in der Bananenhalle kann man sehen, wie Sammlungen sich profilieren. Und natürlich ist diese Präsentation auch als Verbeugung zu verstehen, verbunden mit dem Wunsch der Galeristen: Kauft Kunst! Künstler und Kunst gibt es in Berlin genügend, zahlungskräftige Käufer hingegen immer noch nicht genügend. Kultur- und Wirtschaftssenat sponsern die Art Week, die Wirtschaftlichkeit steht zur Disposition, auch wenn das keiner in diesen Tagen offen sagen mag.

„Proximities and Desires“, so lautet der Titel in der Bananenhalle, der anspielen möchte auf die Praxis des Sammelns – es geht um Annäherung an ein Werk, Ankäufe, Begehrlichkeiten, letztlich darum, was die Leidenschaft eines Privatsammlers überhaupt ausmacht. Ein winziger Bronzekopf aus Kambodscha, nicht größer als ein kleiner Finger, thront da in einer riesigen Vitrine am Ende der Schau. Man muss zu ihm hinaufschauen. Der Sammler als König, herrliche Metapher! Auch Sammler wie Gil Bronner sind in der Stadt, und er wird sich das wohl anschauen. In Düsseldorf baut er gerade eine Industriehalle zu einem Museum um. Gegenwartskunst begeistert ihn.

Das Projekt zeigt auch, dass einzelne Sammler in Berlin einen immer stärkeren Einfluss nehmen auf den öffentlichen Kunstbetrieb, zu Mitspielern im Ausstellungsgeschäft werden. Ein Beispiel ist gerade die Sammlung von Reinhold Würth – auf gleich anderthalb Etagen des Gropius-Baus breitet der Unternehmer 1700 seiner Arbeiten aus. Wie im Kreuzberger Ausstellungshaus haben auch in der Bananenhalle viele Werke museale Qualität. Nur: Kaum ein deutsches Museum kann sich diese Arbeiten noch leisten.

Neues Design, neue Ordnung, neue Piazzetta

Die abc hat in diesem Jahr die improvisierte Baustellenästhetik mit den einfachen Gerüsten hinter sich gelassen. Der Eingangsbereich ist hell und großzügig wie eine Piazzetta gestaltet. Jeder kann sehen, die Messe, die eigentlich als Nachfolger des Art Forums keine sein will, ist raus aus den Kinderschuhen, Experimente gibt es,, aber sie stehen nicht mehr im Vordergrund. Das weiße Ausstellungsdesign ist klassischer geworden, ruhiger, strukturierter. Über variable Eckelemente entstehen offene Räume, je nach Marktlage leisten sich Galerien wie König ganze „spaces“, wie es hier heißt. Vier Ecken ergeben 100 Quadratmeter. König startet mit Jorinde Voigt einen Großauftritt. Flügel sind ihr Thema, und so „malt“ sie mit feinen Federn, die einzeln geschnitten und auf Papier geklebt sind. 120.000 bis 185.000 Euro, so viel kostet eine Voigt.

Neugerriemschneider kooperiert zusammen mit einer jungen chinesischen Galerie – gezeigt wird Ai Weiwei, der derzeit in Berlin lebt. Eine Installation, die aussieht wie ein Reisfeld, durchaus die Liegestatt eines Fakirs sein könnte. Galerie Johnen und Esther Schipper, die jetzt zusammengehören, lassen bunte Lampions von Martin Boyce von der Decke baumeln. Es leuchtet.

abc, Station, Luckenwalderstr. 4–6, Fr–So, 12 bis 19 Uhr, So bis 18 Uhr.

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