Kultur

Die wilde Chronik eines Filmemachers

Alexander Kluge übergibt gut gelaunt sein Archiv an die Akademie der Künste

Bilder, Videos, Sekundenfilme fliegen über die Leinwand. Helge Schneider als bayrischer Polizist, Präsident Obama beim G-7-Gipfel, Sketche über Stasi und Staatsmacht, ernste Gedichte von Heiner Müller, Ausschnitte aus der Oper „Rigoletto“, eine Videoinstallation aus Venedig. Nichts scheint zusammenzupassen und doch versteckt sich darin ein tieferer Sinn. Er entspringt dem Kopf von Alexander Kluge. Der Künstler hat sein persönliches Archiv nun an die Akademie der Künste in Berlin, der er selber seit 1972 angehört, übergeben und die Sammlung am Dienstagabend in Kurzfilmen, Kurzgeschichten und Geistesblitzen präsentiert. Es ist eine wilde Chronik seines Schaffens.

Der 1932 in Halberstadt geborene Alexander Kluge ist als einer der einflussreichsten Vertreter des Neuen Deutschen Films bekannt geworden, gleichsam als Praktiker und Theoretiker. Seine Arbeiten, die immer auf Verknüpfungen und Dialog zielen und dabei bewusst fragmentarisch anmuten, scheinen auch Modell für die Präsentation seines Archivs gestanden zu haben. Der Abend ist dialogisch und lebendig. Die Gäste lachen und grübeln, oft fast gleichzeitig. Dabei zeigt Kluge Ausschnitte seiner Filme, liest Kurzgeschichten und unterhält sich mit der Vizepräsidentin der Akademie, Kathrin Röggla. „Hier in der Akademie liegt mein Archiv ja quasi in der Bettritze zwischen Adorno und Walter Benjamin. Das bedeutet mir sehr viel, mit diesen beiden im selben Lesesaal gelesen zu werden“, erklärt Kluge. Auch Jeanine Meerapfel, der Präsidentin der Akademie, bereitet es eine persönliche Freude, Kluges Materialsammlung bei sich zu haben. Denn sie selbst, sagt sie, sei Studentin seiner Filmklasse in Ulm gewesen.

Sein Archiv wächst weiter und soll ein lebendiger Ort sein

„Die Möglichkeiten, über Gutartigkeit zu erzählen, sind eben begrenzt. Sie erzählbar zu halten, dafür brauchen wir das Archiv, die Akademie, und dafür brauchen wir auch die Kunst“, sagt Kluge. Sein Archiv soll deswegen ein lebendiger Ort sein. Aus der ganzen Welt wird man darin online recherchieren können, es wird Kooperationen mit der amerikanischen Universität Princeton geben. Und es ist noch nicht abgeschlossen. Aktuell füllt Kluge zehn Regalmeter. Aber der 83-Jährige arbeitet, kreiert, filmt, schreibt weiterhin. Im nächsten Monat erscheint sein neues Buch „Kongs große Stunde – Chronik des Zusammenhangs“ im Suhrkamp Verlag – ein kreatives Ende ist nicht in Sicht, das Archiv wird wachsen. „Ein Archiv ist für mich eine doppelte Buchhaltung. Die zeigt, was man über die Jahre vergessen hat“, sagt Kluge. Versuche man sich an einzelne Jahre zu erinnern, dann treten nur bestimmte Ereignisse deutlich hervor, vieles habe man einfach vergessen. Mit einem Archiv könne man sich auf Spurensuche im eigenen Leben begeben.

In seinem Fall scheint die besonders facettenreich zu sein. Der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Alexander Kluge ist promovierter Jurist, gelernter Kirchenmusiker, Adorno-Schüler und natürlich Filmemacher und Schriftsteller. „Das Leben liegt diffus hinter uns, aber durch ein Archiv entstehen Verknüpfungen“, sagt er. Und auf die scheint er es besonders abgesehen zu haben. Gegensätze durch Empathie als oberflächlich zu demaskieren, den Zusammenhang von Gutem und Schlechtem zu zeigen. In seinen Kurzfilmen könne er diese Gegensätze nebeneinander schneiden, sie entlarven und Gefühlsumbrüche beim Publikum provozieren.

Aber auch sein Archiv kann das. In den ausgestellten Korrespondenzen mit Philosoph Theodor Adorno und Verleger Siegfried Unseld, in den Manuskripten seiner Bücher, in den Notizen zu Projekten. „Man ist nicht der Besitzer seiner Lebenszeit“, sagt Kluge in der Akademie. Aber ein Archiv kann ein Zeugnis davon abgeben. Und Kluges Suche nach dem unsichtbaren Leim, der Widersprüche zusammenhält, dokumentieren.