Kultur

Verschwitzte Liebe und eine Botschaft

Eine deutsche Diva im Admiralspalast: Sarah Connor singt, erzählt und bringt das Publikum zum Tanzen

Der Mikrofonständer ist eine Achse. Auf beiden Seiten sieht der Zuschauer fast symmetrische Sarah-Connor-Hälften, die immer wieder mit den Fingern winken oder die Arme nach vorne strecken. Immer dann, wenn es zum Text passt. Sarah Connor trägt Hut. In einem Lied singt sie, dass sie, wenn sie alleine ist, sein T-Shirt anzieht. Drei Backgroundsängerinnen vokalisieren dazu. Ein Schlagzeug wird hinter einem Glasparavan bespielt, einfach damit es nicht zu aufdringlich ist. Die Musik soll sich hier ganz zurückhalten, hinter dem Gesang. Denn jeder versteht ihn, er ist auf Deutsch, jeder soll ihn verstehen, das ist neu bei Sarah Connor. Die Texte ihrer alten Hits, etwa: „Bounce, baby, out the door“, waren nicht mehr als sexy Lautmalerei. Jetzt mit dem Album „Muttersprache“ ist sie in ihrer Muttersprache um textlichen Inhalt bemüht: Trost, Liebes– und Lebensbejahungen. Und auch politische Aussagen.

Sarah Connor strahlt aus ihren Lederoptikleggins. Ein Nummer-1-Album nach zehn Jahren. Wer hätte das gedacht, dass es mal so etwas gibt, jetzt singe ich euch ein deutsches Liebeslied, skandiert sie, es ist der Refrain von „Deutsches Liebeslied“, sie will, dass das Publikum es ihr nachtut, nur „ihr“ und „wir“ vertauscht, aber das Publikum, es ist zaghaft. „Was macht Ihr denn immer alle mit Euren Handys?“, fragt die Sängerin. „Fotos von mir? Ich bin doch verschwitzt. Ihr sollt lieber singen“, fordert sie, geht durch die Reihen mit dem Mikro, holt sich hier und da mal ein „Yeah“ ab, wird dabei gefilmt von Hunderten Handys. Dann steht sie wieder auf der Bühne und das Publikum setzt sich hin.

Eine Sängerin, die locker mit dem Älterwerden umgeht

„Ihr seid auch älter geworden, was?“, fragt Sarah Connor. Älterwerden, das kennt sie, für sie bedeutet das einen Bauch-weg-Gürtel tragen, sie hebt ihr Khaki-farbenes Shirt hoch, zeigt ihn, den breiten Gürtel. Und ab und zu, da weiß sie den Text von einem Lied nicht mehr. Die Songtexte hat sie jetzt immer vor sich auf dem Bühnenboden liegen. Älterwerden bedeutet als Künstler vor allem aber, wenig später in einer roten Adidas-Trainingsjacke auf die Bühne zu kommen und ein Medley alter Hits zu spielen. „Let’s get back to bed, Boy“ und besagtes „Bounce“. Das Publikum zieht es aus den Sesseln. Connor sagt, diese Songs seien jetzt eigentlich wieder gute Popsongs. Applaus. Ein anderer Song aber, der sei über die Jahre mit ihr gewachsen. „From Sarah With Love“ – sie singt es in einer leicht angejazzten Version. Erst zum Schluss des Liedes lässt sie los und den Refrain wie einen Vulkan aus sich herausbrechen. Das Lied ist kurz. Kurze Zeit später singt sie von der Möglichkeit ihres eigenen Todes: „Ich will keine Trauerreden. Ich will keine Tränen sehen. Keinen Chor, der Halleluja singt. Ich will, dass Ihr feiert. Ich will, dass Ihr tanzt, mit nem Drink in der Hand.“

Pop ist ein Produkt des Zeitgeistes. Damals vor vierzehn Jahren, als Sarah Connor begann, Musik zu machen, war kaum ein deutscher Popstar so amerikanisch wie sie. Mit ihrem Künstler-Nachnamen Connor betonte sie ihre amerikanischen Vorfahren, dann heiratete sie einen Amerikaner, spielte mit ihm die amerikanische Doku-Soap „Newlyweds“ im Fernsehen nach – „Sarah & Marc in Love“, nannte ihre Tochter „Summer“ und sang mit Ne-Yo. Ihr Pop war sexlastig und soulversatzstückt. Marke: deutsche Christina Aguilera. Das Vorbild sitzt heute, die Lippen rot geschminkt, in der Jury von „The Voice“, viel mehr macht sie jedoch nicht, sie passt nicht mehr in diese Zeit, hat es verpasst, sich rechtzeitig zu häuten. Sie ist ein altes Produkt.

Ihre deutsche Kopie jedoch hatte die richtigen Berater, machte mit Peter Plate, Ulf Leo Sommer und Daniel Faust etwas Neues. Auf der dazugehörigen „Muttersprache-Tour“ ist der Sexappeal der Narbentiefe gewichen. Nur einmal kommt die alte Sarah auch in dem neuen Sanges-Ich zum Vorschein. Bei dem Wortspielsong „Kommst du mit ihr“ geht sie sich plötzlich wieder lasziv durch die Haare, lässt die Hand in den Schritt fallen.

Deutsche Musik verkauft sich gut gerade. So gut, dass der deutsche Fußballbundestrainer im Admiralspalast im Publikum sitzt, ganz vorne. Und bei „Wie schön du bist“ singt er nicht nur mit, da hebt er die Hand zur schüchternen Dünengrasbewegung. Dann, nimmt er sein Handy und macht Fotos von ihr. Gegen Ende des Konzerts wird ein Piano hereingeschoben. Sarah Connor singt die Ballade „Mein König“, singt wieder von Narben, von einem Menschen, vermutlich einem Mann, der ihr hilft, dass sie heilen. Der letzte Song ist ein Spagat. Das Lied heißt „Augen auf“. Auf der Leinwand werden Wolken eingeblendet. Bahnstrecken. Dann Flüchtlinge. Conner singt: „Wenn Menschen alles verlieren. Und wenn Mütter auf der Flucht das Leben ihrer Kinder riskieren.“ Sie erntet tosenden Zeilen-Applaus. Aber sie belässt es nicht dabei, das Lied trommelt sich zum Höhepunkt: „Warum können wir nach den Bildern schlafen gehen? Und weiter träumen als wäre nichts geschehen? Krieg dein Arsch endlich hoch, Zeit aufzustehen“, fordert Connor singend. Man ist erschrocken. Ist es wirklich wahr, Sarah Connor, versucht einen gerade zum politischen Handeln zu motivieren?