Kultur

Vergessene Geschichte

Die Mauer muss weg: „Die Eisläuferin“ zeigt Iris Berben als Kanzlerin mit Gedächtnisschwund

Die Kanzlerin schlägt die Augen auf. Sie sagt: „Die Mauer muss weg!“ Aber die Mauer ist längst weg. Es ist das Jahr 2015, und Deutschlands Staatschefin Katharina Wendt liegt im Krankenhaus. Sie will Bürgerrechtsversammlungen auf dem Alex besuchen, die längst in den Geschichtsbüchern stehen. Ihren Mann, der sich sorgenvoll über ihr Bett beugt, schaut sie fragend an: „Warum siehst du so alt aus?“

Es ist nicht gut bestellt um die Kanzlerin in diesem Film von Markus Imboden. Ein Schild ist ihr auf den Kopf geknallt. Sie war während ihres Urlaubs den Leibwächtern entwischt, um mit ihrem Mann endlich einmal für ein paar Tage allein sein zu können. Doch dann passierte die Sache mit dem Schild im Innern eines uckermärkischen Bahnhofs. Jetzt kann sie sich an die letzten 25 Jahre nicht mehr erinnern: Die Mauer muss weg.

Die Idee, sein filmisches Personal die deutsche Geschichte der letzten Jahrzehnte verpassen zu lassen, ist nicht eben neu. Erinnert sei nur an Wolfgang Beckers Film „Good Bye, Lenin!“ (2003), in dem die Hauptdarstellerin aus einem langjährigen Koma erwachte. Etwas melancholischer und stiller hatte Hannes Stöhr zwei Jahre zuvor in „Berlin is in Germany“ einen noch zur Zeit der deutschen Teilung inhaftierten DDR-Bürger nach vielen Jahren auf die Boulevards der komplett veränderten Hauptstadt geschickt.

In diesem Fall ist es nur eben nicht Otto Normalverbraucher, sondern die Kanzlerin. Die Bestseller-Romanvorlage von Katharina Münk brockt ihr eine besonders heimtückische Form der Amnesie ein: Nicht genug, dass sie die letzten 25 Jahre vergessen hat. Sie vergisst auch alle im Lauf eines Tages erworbenen Lernfortschritte wieder, sobald sie sich schlafen legt. Und so schlägt die Kanzlerin seit ihrem Unfall jeden Morgen die Augen auf und sagt: „Die Mauer muss weg!“

Schon die Ausgangslage ist also einigermaßen märchenhaft, was denn auch der häufigste Begriff ist, den Macher und Programmverantwortliche zur Beschreibung dieses Films verwenden. „Es ist ein Märchen, in dem viel Wahrheit steckt“, sagt Iris Berben. Die Frage ist nur: welche Wahrheit?

Sie spielt die überdeutlich an Angela Merkel angelehnte Katharina Münk mit anrührender Putzigkeit – mitsamt der bekannten Kanzlerinnen-Raute. Und Ulrich Noethen gibt ihren Gatten als liebenswerten Trottel, dem gern mal der Milchschaum im Bart hängen bleibt. An den Akteuren liegt es nicht, dass dieser Film so schnell zu langweilen beginnt. Es ist seine vorhersehbare Dramaturgie, und es sind seine erzwungenen Ausflüge ins Groteske: Die Kanzlerin darf sich im Supermarkt zonendödelig über Bananen freuen, und sie verhandelt mit Russlands Staatschef, als wäre sie die Vorsitzende eines Kinderparlaments. Es hilft nichts, sich gegen derlei Albernheiten vorab mit dem Begriff der Märchenhaftigkeit zu immunisieren: Denn gute Märchen leben vom nur sporadischen Übertritt ins Fantastische, sie sind seriöse Geschichten mit großen Themen. Diese Geschichte aber hat kein großes Thema, und ihre einzige Wahrheit lautet: Gutes Fernsehen geht anders.

ARD, 20.15 Uhr