Kultur

Die Bilderwelten des Neo Rauch

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Angela Hohmann

Bötzow Berlin zeigt die erste Einzelschau des Leipziger Künstlers seit sechs Jahren

Weltweit gilt er als einer der bedeutendsten deutschen Gegenwartsmaler, die sogenannte Neue Leipziger Schule hat er als ihr prominentester Vertreter bekannt und die figurative Malerei wieder salonfähig gemacht. Auf dem Kunstmarkt erzielen die großformatigen Arbeiten von Neo Rauch Spitzenwerte und vor fünf Jahren zu seinem 50. Geburtstag, wurde er gleich mit zwei großen Retrospektiven in Leipzig und München geehrt. In Berlin war er zuletzt 2009 in einer Einzelschau zu sehen, jetzt zeigt das Atelierhaus Bötzow, der Ausstellungsraum des Privatsammlers Hans Georg Nider im Prenzlauer Berg, Schlüsselwerke des 1960 in Leipzig geborenen Künstlers von 2006 bis 2015 aus dem Bestand der eigenen Sammlung.

Die großformatigen Gemälde und Lithografien zeigen das von Rauch gewohnte, merkwürdig anmutende Personal, in der Kleidung lässt sich oft eine Vermischung unterschiedlicher Epochen erkennen, was den Bildern die ihnen eigentümliche Surrealität verleiht. Man fühlt sich an Comics erinnert, aber auch an Sozialismus-Ästhetik und die Grafik vergangener Reklametafeln. Mitunter sind es Hybriden zwischen Mensch, Tier und Pflanze, die schwer durchschaubare Arbeitsprozesse verrichten, meist herrscht eine endzeitlich apokalyptische Atmosphäre in den kaum entschlüsselbaren, kryptisch-dichten Bilderzählungen. Der Bildraum wird zur Bühne von Figuren, die in den großformatigen Malereien immer ein wenig größer sind als der Betrachter.

Einzelne Elemente tauchen wie Versatzstücke immer wieder auf und verschlingen sich im Werk des Malers zu einem Labyrinth mit wiedererkennbaren, aber doch nicht ganz deutbaren Elementen. In verschatteten ostdeutschen Landschaften schlafwandeln die Figuren, entfremdet wirken sie und isoliert. „Im Schlaf der Welt“ heißt deshalb auch die Ausstellung im Atelierhaus Bötzow.

Magisch zieht es einen in den Bildraum hinein, wie in dem Gemälde „Das Bannende“ von 2013, das Neo Rauch malte, nachdem er in Folge einer Wespenattacke lange nicht arbeiten konnte. Figuren, mit Farbe und Pinseln ausgestattet, arbeiten, umgeben von monsterartigen Gestalten, an Werken, die eben diese Monster sein könnten, ein Ehepaar, eventuell Sammler, betrachtet eine Arbeit. Die Kleidung der Figuren aus unterschiedliche Zeiten verleiht dem Bildraum einen historischen Schwebezustand, im Hintergrund steht auf dem Hügel eine verlorene Fabrikruine. Auf einer anderen großformatigen Papierarbeit kontrastieren eine Baustelle, ein Zeltlager und ein Hinrichtungsplatz miteinander. Dort kniet ein Mann vor seinem Henker, welcher der Kleidung nach barbarischeren Zeiten entstammt.

Neben Ölgemälden unterschiedlicher Größe sind etliche Lithografien ausgestellt, darunter auch die erstmals gezeigte Mappe „Der Mittler“ von 2006 und zwei Bronzen von Neo Rauch, die Einblick in seine wenigen bildhauerischen Experimente geben. Ganz neu sind die Tuschelithografien, in denen Neo Rauch die minutiös von Karl Blossfeldt sezierten Pflanzenstrukturen verfremdet wieder auftauchen lässt: als Kopfbedeckung, Kirchturmspitzen oder Riesenpflanzen. Die kleine Ausstellung gibt einen guten Einblick in die Bilderwelten von Neo Rauch und die unterschiedlichen Techniken, in die er diese übersetzt: Malerei, Grafik und die seltenen Skulpturen.

„Im Schlaf der Welt“: Bötzow Berlin, Prenzlauer Allee 242–247, Prenzlauer Berg. 11. September 2015 bis 15.März 2016. www.boetzow-berlin.de