Kultur

Eine Kultur des Teilens und Likens

Ein erstaunlich aktuelle Schau über die Anfänge der japanischen Fotografie

Ein junger Mann hockt in tadelloser Haltung am Boden. Neben ihm liegt sein Schreibzeug, das er achtlos fallengelassen hat. Seine Augen verdreht er zu einem Schielen, und es ist auch klar, warum: Er begeht soeben Harakiri. Ein Messer hat er sich in den Bauch gerammt, und aus der Wunde quillt es rot. Sorgfältig wurde der Blutstrom auf dem Foto handkoloriert. Bildbearbeitung lange vor Photoshop. Der Fotograf Kusakabe Kimbei (1841–1934) dürfte jedoch kaum einer echten Selbsttötung beigewohnt haben. Es handelt sich um eine vollendet ausbalancierte Studioaufnahme, und im Museum für Fotografie können sie nun also jene Menschen betrachten, für die der ganze inszenatorische Aufwand schon um 1900 gedacht war: Menschen aus dem Westen.

„Zartrosa und Lichtblau – Japanische Fotografie aus der Meiji-Zeit 1868–1912“ heißt die Schau und verbirgt hinter dem pastellfarbenen Titel geschickt ihr irritierendes Potenzial. Sie gibt nicht nur Nachhilfe in japanischer Geschichte, sondern sie zeigt auch auf intelligente Weise, wie beschränkt die Tragkraft des so beliebten Begriffs „Authentizität“ eigentlich ist. Kaiser Mutsuhito, Thronname Meiji („erleuchtete Herrschaft“), hatte die Abschottung seines Reichs beendet und dafür gesorgt, dass Händler, Diplomaten und Fotografen ins Land kamen. Einer von diesen frühen Reisenden war Peter Jessen, bis 1924 Direktor der Berliner Kunstbibliothek, der mit seinen Einkäufen japanischer Farbholzschnitte den Grundstein für eine der wichtigsten Sammlungen asiatischer Kunst legen sollte.

Souvenirfotografien seien „der Exportschlager schlechthin“ gewesen, sagt Kuratorin Christine Kühn. Ironischerweise war man damals in Japan sehr bereit, den Gästen genau jene rückwärtsgewandten Japan-Bilder zu liefern, die diese wünschten, Modernisierung hin oder her. So hängt das Harakiri-Bild gleichberechtigt neben artig musizierenden Geishas, Fischverkäufern und Muschelsammlerinnen. Die Bayern haben Schuhplattler, die Ägypter die Pyramiden? Na und: Wir haben Harakiri!

Christine Kühn hat zwei Jahre lang die Bestände der Kunstbibliothek durchforscht. Hinzu kommen wertvolle Leihgaben aus dem Ethnologischen Museum und dem Museum für Asiatische Kunst. Leicht sei es nicht gewesen, die Bilder einzelnen Künstlern zuzuordnen: Was beliebt war, wurde kopiert, und Kopieren galt als Huldigung. Eine Kultur des Teilens und Likens, möchte man beinahe sagen. Ikonisch bis heute wirken auch die Landschaften mit lichtblauem Fuji und zartrosa Kirschblüten, man sieht religiöse Prozessionen und nur vereinzelt Straßenszenen, in denen durchaus nicht jeder in traditionellen Gewändern umherschreitet; und man sieht ernste, in ihrer Starrheit bewegende Porträts. Privatfotos gab es damals kaum. Die Fotografie spaltete das Land.: Nutzten geschäftstüchtige Geishas diese neue Kunst fürs Marketing, galt für andere, dass man sich „unverdient nicht zur Schau stellte“.

Museum für Fotografie, Jebensstr. 2, Di–Fr 10–18 Uhr, Do bis 20 Uhr, Sa & So 11–18 Uhr. Bis 10. Januar 2016