Kultur

Virtuose Akrobaten sind Chinas neue Halbexistenzen

Constanza Macras zeigt „The Ghosts“ beim Tanz im August

Es gibt sie, die Theaterabende wie „The Ghosts“, wo den Zuschauern in den ersten Reihen tatsächlich der Atem gestockt haben dürfte. Schließlich begibt sich eine chinesische Artistin da einmal nah an der Rampe auf ein Möbel, das aussieht wie eine Mischung aus Sessel und Streckbank, fixiert ihren Kopf und wirbelt mit ihren Füßen virtuos einen Tisch durch die Luft. Dass sie ihn später durch ihre jüngere Schwester ersetzen wird, macht die Sache nicht besser.

Nun gehört der Nervenkitzel bei Akrobaten zum Geschäft. Aber im zeitgenössischen Tanz? Constanza Macras, eine der wichtigsten Choreografinnen weltweit und seit sieben Jahren Dauergast an der Schaubühne, erzählt zum Abschluss des Festivals Tanz im August und zugleich zum Schaubühnen-Saisonstart mit „The Ghosts“ von chinesischen Akrobaten: Wie sie noch als Kinder von sechs oder neun Jahren oft aus bitterer Armut zu den Truppen stoßen, täglich hart trainieren, um dann bis Mitte, Ende 20 ihre Karriere zu verfolgen. Und dann? Ohne Schulbildung und Absicherung?

Die Akrobaten sind Chinas neue Geister, so Macras’ Schlussfolgerung, Halbexistenzen, nur manchmal sichtbar. Um das alles zu erzählen und argumentativ miteinander zu verknüpfen, gibt es diesmal viele Grundsatzinformationen – und das ermüdet. Statt wie sonst eher rätselhafte Dialogfetzen und Anekdoten einzustreuen, wird das Publikum in „The Ghosts“ über die chinesische Mythologie, die Stellung der Frau (Jungs werden im Zweifel bevorzugt), die Ein-Kind-Politik und das traumatische Massaker am Platz des Himmlischen Friedens aufgeklärt. Zwar gelingt auch das mitunter mit Witz, wenn etwa Huanhuan Zhang mit einer Diashow aus ihrem Leben erzählt – im Dokumentar­theater-Stil, weil sie wisse, dass man so was hier besonders liebe, sagt sie.

Solche augenzwinkernden Momente sind aber ziemlich rar in „The Ghosts“, das streckenweise sehr an Wikipedia-Referate erinnert. Dabei gibt es viele wunderbare, berührende Momente. Etwa die artistischen Nummern, die bei aller Perfektion erstaunlich düster wirken, weil die chinesischen Performer erst nach ihrem Abschluss schüchtern lächeln. Allein das Sirren der auf ihren Stäben rotierenden Teller erzeugt eine unwirkliche, geisterhafte Stimmung, dazu grundiert Chico Mello all die Pyramiden, Brücken und Spagate an verschiedenen Blas- und Perkussionsinstrumenten melancholisch.

Spannend auch, dass hier zwei grundverschiedene Darstellungstraditionen aufeinandertreffen: Tapfer quälen sich einige der vier Tänzer von Macras’ Compagnie Dorky Park an den Akrobatik-Tüchern, die von der Decke hängen, unsicher flackern die Blicke den chinesischen Performern, wenn sie sich in komplexen Choreografien verknäulen. Nur kommt dann der nächste Erklärbär-Text um die Ecke, ersetzt das Programmbuch, ohne allzu tief zu schürfen – und alle geisterhafte Leichtigkeit ist hin.

Schaubühne, Lehniner Platz, Charlottenburg. Tel. 890023. Termine: 5., 7. und 8. September