Ausstellung

Begründer der abstrakten Malerei: Piet Mondrian in Berlin

„Piet Mondrian. Die Linie“ - bis zum 6. Dezember ist die Ausstellung der abstrakten Malerei im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen.

 Die 50 Gemälde und Zeichnungen von Piet Mondrian sind bis zum 06. Dezember 2015 zu besichtigen

Die 50 Gemälde und Zeichnungen von Piet Mondrian sind bis zum 06. Dezember 2015 zu besichtigen

Foto: Soeren Stache / dpa

Wer würde die Porträts und die Bilder von Feldern, Weidenbäumen, Windmühlen und Bauerngehöften in impressionistischem Stil wohl mit dem niederländischen Maler Piet Mondrian (1872 – 1944) in Verbindung bringen, jenem Meister der strengen Abstraktion, der mit schwarzen rechtwinkligen Gitterstrukturen auf weißem Grund und kleinen unregelmäßig darauf verteilten Farbfeldern in den Primärfarben blau, rot, gelb Kunstgeschichte schrieb – als Inbegriff der Modernität.

Die Ausstellung „Piet Mondrian. Die Linie“ im Martin-Gropius-Bau veranschaulicht anhand von knapp 50 Gemälden und Zeichnungen aus drei Jahrzehnten den langen Weg des Künstlers in die Abstraktion. Mit einer so kleinen Werkauswahl sei die Schau weniger eine Retrospektive als ein fein geschliffener Diamant, sagte Benno Tempel, Direktor des Gemeentemuseums in Den Haag, das die meisten Werke des Meisters besitzt und die Ausstellung mit dem Martin-Gropius-Bau auf den Weg gebracht hat. Kuratiert hat sie Hans Janssen, Mondrian-Kenner und Kustos am Gemeentemuseum. Erstmals seit über 40 Jahren ist damit wieder eine große Mondrain-Ausstellung in Berlin zu sehen, darunter viele Frühwerke, die den großen Sprung in die Moderne erst erfahrbar machen.

Ausflüge in das Umland von Amsterdam

Denn anfangs steht Mondrian noch ganz im Bann der Haager Schule des 19. Jahrhunderts, die einen niederländischen Impressionismus herausgebildet hat. Bei seinen Ausflügen in das Umland von Amsterdam und während eines einjährigen Aufenthalts in der Provinz Brabant widmet sich Mondrian im wesentlichen der Landschaftsmalerei, fängt an mit unterschiedlichen Stilen zu experimentieren, mal malt er impressionistisch, mal fauvistisch-expressionistisch. Schon früh zeigt sich vor allem in ordentlich versammelten Baumreihen ein Hang zur vertikalen Linie sowie zum Seriellen, und mancher Ast weicht sehr von einer realistischen Landschaftsauffassung ab, wirkt merkwürdig abstrakt. Die Farben sind gedeckt, die Annäherung an die Außenwelt realistisch, nie verklärend romantisch. Schon damals beschäftigt sich Piet Mondrian mit der Theosophie, sucht in den flüchtigen Erscheinungen der Natur etwas Wahres, Geistiges, letztlich auch Abstraktes.

Gerne malt Mondrian in dieser Zeit Abendstimmungen, ihn reizt, dass sich in der Dämmerung die Formen und Farben auflösen, weniger Details ins Auge stechen, alles Flächiger erscheint, die Struktur im Vordergrund steht. „Ich malte am liebsten Landschaften und Häuser bei grauem dunklen Wetter oder bei sehr starkem Sonnenschein“, beschreibt er seine Technik, „wenn die atmosphärische Dichte die Details verwischt und die großen Konturen der Dinge akzentuiert.“

Ab 1908 malt Mondrian in der Provinz Zeeland Kirchtürme, Leuchttürme, Dünen. Die Farben werden expressiv, selbst in Porträts tauchen poppige Pink- und Türkistöne auf, der Pinselstrich ist mal kurz und kräftig, mal pointillistisch. Das Gemälde „Zeeländischer Kirchturm“ von 1911 zeigt das Gebäude in streng aufragenden Linien, der Hintergrund zeigt ein abstraktes Liniengewirr vor blauem Himmel.

Durchbruch in die Abstraktion in Paris

Den eigentlichen Durchbruch in die Abstraktion bringt jedoch erst Paris. Seit 1912 lebt Mondrian dort, im damaligen Zentrum der modernen Kunstentwicklung. Da ist er bereits vierzig Jahre alt. Der Kubismus von George Braque und Pablo Picasso beeinflusst ihn sehr in dieser Zeit, verändert radikal seinen Stil. Formen und Linien werden aufgebrochen. 1913 entsteht mit „Tableau No. 4“ schließlich das erste abstrakte Gemälde von Piet Mondrian. In kubistisch aufgerissenen dunklen Linien mit den Farben grau, weiß und ocker schafft er eine Komposition, die sich von allem Gegenständlichen befreit. Hier zeigt sich schon ein Interesse für eine Gitterstruktur aus schwarzen Linien, eine Faszination für Struktur, der die Passion für die Natur nun weicht. Solche Bilder werden schließlich abgelöst von geordneten Farbfeldern oder Rasterstrukturen.

Während des Ersten Weltkrieges muss Mondrian zunächst in die neutrale Niederlande zurück. Als Mitbegründer der Gruppe „De Stijl“ tritt er auch mit kunsttheoretischen Schriften in Erscheinung. Seine Malerei wird in dieser Zeit immer radikaler, er besteht auf den rechten Winkel und gerade Linien, als Farben verwendet er vor allem Primärfarben sowie Schwarz, Weiß und Grau.

Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg kehrt Mondrian nach Paris zurück und verfeinert das abstrakte Malereiprinzip, für das er so bekannt geworden ist. Sechs Gemälde aus den 20er- und 30er-Jahren zeigen uns am Ende der Ausstellung den Mondrian, den wir alle kennen. Leider fehlen die Bilder, die dann unter dem Einfluss des Boogie Woogie im amerikanischen Exil entstanden: Die Abstraktion bleibt erhalten, aber die strengen Formen werden wieder aufgebrochen – die Linien fangen an zu tanzen.

Der Jazzliebhaber bringt Rhythmus in die Bilder

Mondrian liebte den Jazz, war begeistert vom Boogie Woogie und außerdem ein leidenschaftlicher Tänzer. Das bringt neuen Rhythmus in die Bilder des Malers, der in einem streng calvinistischen Haushalt aufgewachsen ist, und seine Bilder dieser Erziehung angepasst zu haben scheint. Im Jahr 1944 stirbt Mondrain in New York mit 72 Jahren an einer Lungenentzündung. Ob sich seine künstlerische Entwicklung tatsächlich so stringent als eine Befreiung der Linie vom Gegenständlichen der frühen Landschaftsmalerei hin zur Abstraktion erklären lässt, wie die Ausstellungsmacher behaupten, sei einmal dahingestellt. Faszinierend ist es allemal, dieser ungewöhnlichen Verwandlung zu folgen – als durchschreite man eine Art Häutungsprozess.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7. Mi-Mo 10-19 Uhr, Bis 6.11.