Kultur

„Balbina, was hast du zuletzt gegoogelt?“

| Lesedauer: 4 Minuten
Julia Friese

Bloggen oder Musik auf Sportgeräten: Beim Pop-Kultur-Festival ist alles erlaubt

Es nieselt im Discogarten dieses kleinen, feinen Berghain-Festivals, das der bockige, der trotzige Nachfolger der Berlin Music Week und der Popkomm ist. Ein Branchentreff ist es nicht, will es auch nicht sein. Ein Showcase-Event ist es nicht, will es auch nicht sein. Und ein Festival ist es ja irgendwie auch nicht, denn kaum ein Gast kann alles sehen, die Veranstaltungen werden einzeln wie Konzerte verkauft, und so ist es von allem ein bisschen und am Ende aber vor allem Kunst. Oder?

Auf der Bühne in der Garderobe des Berghains stehen Fitnessgeräte. Dahinter sitzt der Sohn von Lothar Bisky, der Maler Norbert Bisky, er erzählt, dass er nicht nur gerne Musikveranstaltungen wie die Loveparade malt, sondern halt eben auch gerne zur Musik malt. Denn rhythmisch Farbe auf einer Leinwand verteilen, das ist Malerei. So einfach. Die Moderatorin, eine bühnenschüchterne Autorin vom „Monopol“-Magazin nickt. „Ja“, sagt sie und: „Ja?“, fragt sie. Dann strahlt sie, und Dr. Tom Fritz, ein Neurologe vom Max-Planck-Institut erzählt, die Fitnessgeräte, das seien seine. Sie machen Musik, wenn man sie bedient, denn es ist lustig, er war einst in Nordkamerun und hat dort eine körperlich sehr anstrengende Flöte gespielt und dabei gemerkt, wenn man sportliche Betätigung mit Musikmachen verbindet, dann ist die wahrgenommene Kraftanstrengung viel geringer.

Er sagt, er habe eine Party mit seinen Freunden gefeiert, auf der hat er einen Stepper mit der Musikanlage verbunden, und das sei großartig gewesen, denn am Ende waren alle verschwitzt und in Ektase. „Jymmin“ nennt er die Mischung aus „Jamming“ und „Gymming“. Und es ist toll. Sport statt Drogen. Abnehmen und trotzdem Feiern. Man kann verdammt noch mal alles haben. Gleichzeitig. Die Moderatorin und der Maler sehen ihn freundlich an. Die Geräte ausprobieren wollen sie nicht.

Dr. Tom Fritz aber setzt sich auf seinen Bauchmuskeltrainer, bewegt sich vor und wieder zurück. Es entsteht ein elektronisches Brummen, ein Brummen im Bauchmuskelzittertakt. Er schließt die Augen, genießt den Sound, und dann, brumm, brumm, brumm, wird er immer wilder auf seinem Trainer, brumm, brumm, brumm, hall, hall, hall. Es liegt ein Lächeln auf seinem Gesicht. Schnitt. Balbina, die, die mal Rap gemacht hat und jetzt mit Schlagerpop im Vorprogramm von Herbert Grönemeyer unterwegs ist, trägt weiß, sitzt auf einer Bühne und liest – es ist eine Weltpremiere – ihre Gedichte vor. Die gehen so: „Kritiker kritisieren mich, ich hielt meine Schriften für wichtig und richtig, doch sie seien es nicht“, und so: „Jede Absage macht mich weichlich, weil ich es nicht mag, wenn jemand anders Nein zu mir sagt.“

Die Texte der 32-Jährigen befinden sich auf ihrem Blog, der, so sagt sie, ist aber nicht so gut besucht. Ein Buch soll aus den Gedichten auch nicht werden. Nein, aber es ist halt Pop-Kultur, hier soll jeder Künstler sich auch mal in einer anderen Disziplin versuchen dürfen. Das Publikum applaudiert. Nach fünfzehn Minuten mag Balbina aber nicht mehr lesen. Lieber soll das Publikum sie was fragen. Zu ihrer Poesie. Ist sie eher von Hesse oder vom Dadaismus inspiriert? Und das auch noch: Balbina, was hast du zuletzt gegoogelt? All das erfährt die Pop-Kultur. Exklusiv.

In der Kantine. „Wir wollen nur verkaufen ... Das ist die neue Schule, das ist Schnipo Schranke“, singen zwei Mädchen in Kleidung, so weit, so nachlässig wie Schlafanzüge. Alles leuchtet pink, die junge Band hat gerade einen Hit, das Publikum möchte sie dafür gerne biergeschmackig küssen. Jetzt. Aber sie singen: „Ich würde dich gerne treffen, aber ich werfe immer daneben“. Das junge Publikum schmunzelt nur, holt seine Smartphones raus, notiert sich die Textzeile: „Komm in meine Arme, komm in meinem Mund“. Sie, die jungen bebeutelrucksackten Mädchen auf Nikes mit Haarknoten, sie wissen, das ist ihr Claim, das Credo ihrer Tinder-Generation. Mehr Jetzt als Schnipo Schranke geht eigentlich nicht. Ein Wisch – und dann wird es auch schon wieder vorbei sein. Wie die Pop-Kultur am Freitagabend. Was davon bleiben wird? Im Zweifel war es für die Kunst.