Festival Pop-Kultur

"Musik ist doch auch nur eine Form von Abfall"

Im Berghain läuft das erste Pop-Kultur-Festival. Der Nachfolger der Berlin Music Week will alles anders machen.

Eröffnung des Festivals "Pop-Kultur" im Berghain

Eröffnung des Festivals "Pop-Kultur" im Berghain

Foto: dpa

Vor fast genau einem Jahr saß die Berliner Musikbranche im Postbahnhof. Die Sonne schien und auf irgendeinem Podium, sagte irgendein Mensch von irgendeinem Label, einer Marke, einer Firma: Musik ist nicht tot. Aber Musik ist jetzt halt nur noch Werbemittel. Er kam nicht aus England, nicht aus den USA, nicht aus Australien, aber er sagte das auf englisch, weil man hier in Berlin doch international war, internationale Gäste geladen hatte.

Der Künstler, der neue, der noch unentdeckte, war hier Produkt. Symbolisch für seinen Wert stand er draußen auf der Straße, hinter bunten Werbeaufklebern und spielte in seinen Hut. Im Postbahnhof hatte ihm die Industrie gesagt, dass er jetzt am besten alles selbst machen solle, und sein Geld, das würde er, wenn er denn genug Fans und Follower und Retweeter und Gratis-Downloader habe, dann etwaig bald von einer Marke bekommen. Coca Cola? RedBull? Irgendwas. Marken sind die neuen Labels, die neuen Mäzen, das sagte man 2014, und tanzte dann mit der Jägermeister-Blaskapelle zu „Samba de Janeiro“ in den betrunkenen Sonnenuntergang.

Das war die Berlin Music Week. Berlin hat sie nicht geliebt. Marken. Business. Und das alles an der Mediaspree. Wirklich, nein, igitt, das klingt nach Geld verdienen. Das ist nicht Berlin. Es ist 2015, der Nachfolger der Music Week heißt Pop-Kultur, und die versucht seit Mittwochabend, durch ein Wurmloch den Baum zu verlassen. Keine Werbebanner. Keine Flyer. Keine Panels und daher auch keine internationalen Industriegäste. Der Künstler steht im Vordergrund – so heißt es. Wenn es der klassischen Musikbranche schlecht geht, dann müssen wir den Pop halt staatlich unterstützen. Was für E-Musik gilt, kann doch jetzt auch für U-Musik gelten. Pop als schützenswerte Staatskultur, nicht als reine Ware. Das ist der Geist, der irgendwie alles umweht.

Weg von der Mediaspree - hin zum Berghain

Deswegen auch weg von der hässlichen Investorengegend Mediaspree. Die Stadt, sie findet sich cool, sie lädt ins Berghain ein. Das internationale Aushängeschild – das ist es doch immer noch, oder? Berghain, das ist doch ein Name, der bleibt. So wie Bowie. Der war ja auch schon mal in Berlin. Darauf ist man stolz. Am Kassenhäuschen der Pop-Kultur steht ein Schild. Hier stand er mal, der Bowie. Selfies please. Es wird das Letzte. Im Berghain darf man ja nicht fotografieren. Türsteher verkleben eine jede Handylinse. Und so unsinnig das ist, wenn junge Künstler die entdeckt werden wollen etwas vorspielen, es passt ganz gut zum Geist dieses Festivals. Denn Musik, das ist doch Kunst. Verdammt nochmal Selbstzweck und kein Werbemittel. Erleben Sie es hier. Nicht teilen. Nicht sharen. Kommen Sie in unsere analoge Erlebnisnische. Tschüß YouTube, Instagram, und Facebook.

Lassen Sie uns die Zeit zurückdrehen. Damals, als Schampus noch der Standard war. Das Festival, nach einer kurzen Ansprache von Katja Lucker und Björn Böhning, beginnt mit 1997. Andreas Dorau und Sven Regener lesen aus Doraus Biografie. Die Neunziger, natürlich, es sind die Sehnsuchtsjahre der Branche und wenn man sich so umguckt auch eben die Jahre, in denen die Veranstalter und Kuratoren – Katja Lucker, Martin Hossbach, Christian Morin – so richtig jung waren. Aber sind es auch die Sehnsuchtsjahre des Pop? Kann der sich überhaupt sehnen? Pop, der ist doch immer das Jetzt. Die Jugendkultur. Isolation Berlin vielleicht, die junge Band, pausbackige Indieboys, sie sitzen auf einem Stein vor dem Gebäude, lungern mit anderen jungen Menschen herum. Trinken Bier. Viel Bier.

75 Prozent der Musik vermodert bei Itunes

Zur gleichen Zeit in der Garderobe des Berghains ist Matthew Herbert, der Produzent, im Gespräch mit André de Ridder, dem Dirigenten. Man hat sich gerade hingesetzt, die altersbedingte Brille auf der Nase, da sagt Herbert: Musik ist auch nur eine Form von Abfall. 75 Prozent der Musik auf Itunes wurden noch nie heruntergeladen. Man kann Musik nicht mehr verkaufen, weil es einfach zu viel Musik gibt, weil es einfach zu einfach ist, Musik zu machen. Wer hat einen Laptop dabei? In anderthalb Minuten kann man heute ein neues Stück produzieren. Wir sollten alle sofort aufhören, Musik zu machen, nur weil es geht. Es gibt schon alles. Wir sollten aufhören. Aufhören! Niemand klatscht, niemand lacht. All das wären gute Schlussworte für das Festival gewesen, aber dafür ist es anderthalb Stunden nach Beginn vielleicht einfach noch zu früh.

Die Berliner Musikindustrie trifft sich unterdessen nebenan im Discogarten. Sie trinkt Weißwein mit Eiswürfeln und löffelt dazu Chili con carne aus kleinen Plastikschüsselchen. Und während ein paar Berghain-Irokesen in orangen Warnwesten den Plastikmüll wegschaffen, erwischt man sie bei so Sätzen wie: Das Berghain ist eine echt schöne Location. Und es stimmt. Für die Popkultur strahlt es wie ein knackfrischer Cocktailtomaten-Partysalat. Ein kleiner Springbrunnen im Hof. Kräuterbratwurst, Kies und bunte Lichter. Es ist gemütlich und gediegen. Man guckt den Indielabels beim Smalltalken zu. Staatsakt grüßt Sinnbus. Major Labels sind irgendwie nicht da. Man spricht deutsch, man kennt sich, man macht irgendwie kein Business. Man geht dann tatsächlich zu den Konzerten.

Pantha du Prince zeigt, wie Musicboard geförderte Musik aussieht: Er und seine Band tragen silberne Satellitenschüsseln an den Stirnen, dazu Batik-Decken über den Schultern und machen elektronische Musik, die klingt wie ein sachter Klingelwind der Slalom durch ein dichtes Beatdickicht fährt. Das alles ist getaucht das hellblaue Licht einer Halle am Berghain, in der noch nie ein Konzert stattgefunden hat. Premiere, Premiere. Es ist schön, aber für Berlin, auch das muss man sagen, hängt die Latte hängt hoch, leider auch nichts besonders.

Elijah Wood legt in der Panorama Bar auf

In der Schlackenhalle steht unterdessen weißer Trockeneisnebel. Bianca Casady zeigt einen Stummfilm, den sie mit einem wie kleine Äste knarzendem Klavier bespielt. Trompeten tuten lieb. Eine Snare-Drum schnüffelt feucht. Casady, die eine Hälfte von CocoRosie, sie singt wie eine alte Schaukel am Baum eines verlassenen Spielplatzes. Dazu gibt es Tanz. Und Rascheln. Und dann rotes Licht. Alles zusammen ist – Lady Gaga würde sagen Artpop, die Industrie, sie würde vermutlich Matthew Herbert zitieren.

Zu später Stunde legt dann Elijah Wood in der Panorama Bar auf. Er trägt, es passt so gut, ein MTV-T-Shirt. Das ist so Popkultur. So Neunziger. Seine Musik ist leider Bollywood-House, in der Panorama-Bar fühlt sie sich an wie Weltmusik. Ihm aber gefällt es. Wie ein aufgeregtes Frettchen in Sneakers springt der Kleine hinter den Knöpfen herum. Die Berliner Sängerin Mary Orcher kommt vorbei, reicht ihm und seinen Kumpels noch eine Platte. Aber was das mit Pop 2015 und mit Berlin als Musikstandort zu tun hat, erschließt sich nicht ganz. Ist es nicht eigentlich alles viel einfacher, als einen Hollywood-Schauspieler nach Berlin einzufliegen um Bollywood-Platten aufzulegen? Ist es nicht einfach nur so, wie die Jungen von Isolation Berlin Faust gereckt von der Bühne in Berghain brüllen: „Ich wär' so gerne ein Produkt, ein Produkt, dass ihr schluckt.“