Kultur

Das perfekte Verbrechen

David Lagercrantz tritt mit der Fortsetzung der „Millennium“-Bücher ein schweres Erbe an

Das größte literarische Verbrechen dieses Jahres wird sich am heutigen Donnerstag ereignen. Es handelt sich – jedenfalls nach Meinung einer nicht unbeträchtlichen internationalen Menge von Literaturscharfrichtern – um einen Fall von Vampirismus, in Verbindung mit Grabschändung und verschärfter Geldschneiderei. Und der Täter steht schon seit ungefähr zwei Jahren fest. Am Donnerstag erscheint gleichzeitig in 27 Ländern und in einer Auflage von mehreren Millionen Exemplaren die Fortsetzung der bis auf Weiteres für immer erfolgreichsten Krimiserie des 21. Jahrhunderts, Stieg Larssons „Millennium“-Trilogie – ein Jahr nach Larssons Tod 2005 gestartet, mehrfach verfilmt, Weltgesamtauflage 82 Millionen Exemplare. Gesamtumsatz geschätzte 400 Millionen Euro.

Am unhackbaren PC schreiben

„The Girl in the Spider’s Web“ heißt der vierte Fall von Lisbeth Salander und Mikael „Kalle“ Blomkvist im Englischen, „Verschwörung“ im Deutschen. Der Täter heißt David Lagercrantz. Larssons Erben und Larssons schwedischer Verlag erkoren ihn zum Saga-Fortsetzer. Seit zwei Jahren musste er über die Salanderei schweigen und in seiner schönen Wohnung im ehemaligen Stockholmer Arbeiterviertel Södermalm, wo sich auch Larssons 53-Qua­dratmeter-Wohnung befand, an einem nicht hackbaren Computer ohne Internetanschluss an ihr arbeiten.

Lagercrantz ist 52 Jahre alt, als Abkömmling einer der führenden schwedischen Familien so ziemlich das Gegenteil des im nordschwedischen Umea geborenen Arbeitersohns Larsson. Sohn des langjährigen Chefredakteurs von Schwedens wichtigster Tageszeitung ist er, und er hat sich für die Tätigkeit als Reanimator der anarchistischsten Ermittlerin aller Zeiten außer durch Jahre als Polizeireporter vor allem dadurch qualifiziert, dass er einem anderen beinahe ganzkörper­tätowierten Abkömmling der schwedischen Unterschicht seine Stimme lieh. Lagercrantz hat den Lebensroman des Fußballers Zlatan Ibrahimovic derart grandios aufgeschrieben, dass selbst hochgradige Fußballphobiker ganz besoffen davon waren.

Es hat ihn also niemand – vor allem nicht Geldgier – dazu gezwungen, sich unbeliebt zu machen. Dass das passieren würde, dass er Hohn und Spott und Beleidigungen über sich würde ergehen lassen müssen, bevor auch nur eine Zeile von „Verschwörung“ zu lesen war, war Lagercrantz von vornherein klar. Zu eindeutig waren die Sympathien verteilt im weltöffentlich ausgetragenen Erbfolgekrieg, der Salander IV voranging.

Schuld daran waren Zigaretten, Schlaflosigkeit, ein streikender Aufzug und 197 Treppenstufen. Die war der Infografiker und Journalist Larsson am 8. November 2004 in die Redaktion seines linken Magazins „Expo“ hinaufgelaufen, bevor er an einem Herzinfarkt starb. 50 Jahre war Larsson alt, hatte die ersten drei von zehn geplanten Teilen seiner Salander-Serie (2000 Seiten, die in zwei Jahren geradezu aus ihm herausgeplatzt sein müssen) im Verlag abgegeben. Altersvorsorge hatte er die Romane genannt, für sich und seine Lebensgefährtin Eva Gabrielsson. 32 Jahre waren sie zusammen. Geheiratet hatten sie nie, einen Vertrag abgeschlossen auch nicht. Weil die Erbgesetze in Schweden so unemanzipiert sind, Blut für sie dicker ist als Liebe, fielen alle Rechte am Werk an Larssons Vater und Bruder. Gabrielsson blieb zwar der Laptop mit gerüchteweise 200 Seiten von „Die Rache der Götter“, Larssons viertem Salander-Fall, die sie aber nicht verwerten und auch nicht fortschreiben durfte. Sonst blieb ihr beinahe nichts. Lange lebte sie von Arbeitslosenhilfe.

Die Wiederbelebung der Lisbeth Salander hat Gabrielsson vehement abgelehnt, dem Verlag vorgeworfen, damit die angegriffenen Bilanzen ausgleichen zu wollen. Lagercrantz bezeichnete sie als „Mietling“. Die Larssons wiederum beeilten sich zu bekräftigen, dass „Verschwörung“ eine einmalige Gedenkarbeit zu zehn Jahren „Millennium“ sei, die Einnahmen einer Stiftung für linke Projekte zugutekämen.

Darüber, wie es Larssons Trilogie überhaupt so weit bringen konnte, wird seit dem Beginn der „Millennium“-Hysterie gestritten. Ein großer Stilist war Larsson nämlich nicht. Der Chef der Nachrichtenagentur, in der er arbeitete, hatte ihn nichts schreiben lassen, weil das wohl nicht sein Ding war. Es gibt logische Brüche, offene Stellen in den Geschichten. Die noch dazu – so ein amerikanischer Kritiker – „so vollgepackt sind mit Zufällen, dass selbst Dickens rot würde“.

Am Rande des Gesetzes

Larssons Trilogie erschien allerdings zur rechten Zeit. Auf dem Gipfelpunkt des Schwedenbooms in der Kriminalliteratur. Alle wollten noch mal in den Abgrund des fadenscheinigen schwedischen Wohlfahrtsstaats blicken. Das hatten sie seit Sjöwall/Wahlöös Pionierkrimis Ende der 60er immer wieder getan. So böse aber hatte es noch niemand beschrieben. Larsson, altlinker Macho, hatte eine Figur zusammenfantasiert, die neu war: Pippi Langstrumpf in der Thrillerwelt. Eine Figur am Rande des Gesetzes, an der alle Anteil nahmen: Lisbeth Salander.

Der Schwedenboom ist vorbei. Die Krimilandschaft wimmelt von Salanders Kindern und Enkeln: Frauen, die Rache nehmen, Frauen im moralischen Zwielicht, Frontfrauen, die es ohne sie nicht gegeben hätte, die sie aber auch nicht mehr brauchen. So wird „Verschwörung“ sicherlich besser geschrieben sein als alle anderen Salanders, wird nicht so schwitzen von Agitprop und Klischees. Aber es wird überflüssig sein. Wie jedes Verbrechen.