Kultur

Die Hufeisenvilla, Lebensgefühl der 20er-Jahre

| Lesedauer: 3 Minuten
Isabel Metzger

Ein Buch und ein Treffen in der Bruno-Taut-Siedlung in Britz

„Die Hufeisensiedlung, das ist ein Lebensgefühl“, sagt Ben Buschfeld. Der Grafiker steht in der Küche in seiner Wohnung in Britz, hinter ihm ein weiß lackierter Küchenspind mit Porzellandosen, auf denen in geschwungenen Lettern „Graupen“ und „Erbsen“ zu lesen ist. Der Herd hat zwei Kochplatten. Gegenüber ein einfacher Holztisch, kaum einen Meter breit. Durch das Fenster sieht man auf gerade Häuserreihen, flache Dächer, sauber gestutzte Hecken. Sachliche Idylle. Das Lebensgefühl der 20er-Jahre.

Gegen die Ikea-Mentalität

Ben Buschfeld ist Architekturliebhaber. Seit rund 20 Jahren lebt er in der Hufeisensiedlung, 2013 hat er mit seiner Frau eines der Häuser renoviert und vermietet es seitdem als bewohnbares Museum an Touristen. „Wir haben sogar die typischen Obstbäume wieder in den Garten gesetzt“, sagt er. Unter dem Titel „Bruno Tauts Hufeisensiedlung“ hat Buschfeld dem Viertel und ihrem Architekten jetzt ein Buch gewidmet. Dort zeigt er, begleitet von historischen Bildern und Entwurfsskizzen: Die Bäume, die weißen Möbel, selbst die Porzellandosen sind Teil eines ausgefeilten Architekturkonzepts. Es ist ein Buch gegen die auf schnelle Lösungen bedachte Ikea-Mentalität.

Die Hufeisensiedlung in Berlin wurde eigentlich aus einer Not geboren. Anfang der 20er-Jahre strömten viele Kriegsflüchtlinge und Arbeitslose nach Berlin. Zimmer waren rar. Arbeiter teilten sich manchmal zu dritt ein Bett. In den Wohnsilos von Neukölln, Kreuzberg und Friedrichshain wütete die Tuberkulose. Die Stadt musste schnell handeln. Mehrere Architekten – darunter auch Bruno Taut – waren mit der Planung von Sozialwohnungen beschäftigt. Der Auftrag: viele, günstige, lebenswerte Wohnplätze schaffen.

Buschfeld zeigt, wie der Architekt in Britz eine eigene moderne Lebenswelt gestaltete. Die Siedlung avancierte schnell zum Vorzeigeprojekt. Billige Sozialwohnungen, die schön und komfortabel waren – das hatte es so noch nicht gegeben. Doch der Luxus in den wohnungen war gemessen an den Bedürfnissen der Menschen der Weimarer Republik. Jetzt dagegen, so fürchtet Ben Buschfeld, könnten ihr die Bewohner zur ernsten Gefahr werden. Noch rückten oft die Kinder der Erstbezieher als Mieter nach. Deren Großeltern brühten ihren Eichelkaffee noch mit zweiflammigen Gaskochmaschinen. Inzwischen verkauft die zuständige Baugesellschaft Deutsche Wohnen AG aber immer mehr der denkmalgeschützten Häuser an Privatleute von außerhalb.

Zwar steht sie Siedlung unter Denkmalschutz. „Aber den vielen Parteien zu vermitteln, dass sie mit der Bausubstanz behutsam umgehen müssen, das ist schwierig“, so Buschfeld. Dass selbst die Farbe der Türknäufe, die Höhe der Berberitzenhecken, die Maße der Fensterrahmen wohl durchdacht sind. „Wenn die Bewohner eine blaue Wand neu streichen wollen, dann gehen sie in den Baumarkt und holen einen Topf blauer Farbe“, sagt Buschfeld. „Aber Blau ist halt nicht gleich Blau.“ Inzwischen fragten ihn die Leute aus der Siedlung öfters um Rat und informieren sich bei ihm. Optimal fände es Buschfeld, wenn die Leute die Häuser alle gleichzeitig streichen – damit die Farbe ebenmäßig aussieht. Aber das sei doch viel verlangt. „Ich will“, sagt Buschfeld, „ja nicht wie ein scharfer Kontrollhund durch die Siedlung laufen.“

Senatsbaudirektorin Regula Lüscher stellt das Buch am heutigen Mittwoch, 19 Uhr vor: Infostation Hufeisensiedlung (Fritz-Reuter-Allee 44, Neukölln). Ben Buschfeld: Bruno Tauts Hufeisensiedlung. Nicolai Verlag, 16,95 Euro.