Kino

Das "Märchen der Märchen" ist nur was für Erwachsene

Märchenfilme müssen nicht immer wie bei Disney aussehen: "Das Märchen der Märchen" geht einen anderen Weg.

Foto: Concorde / BM

Filme müssen ein Herz haben. Das sollte eine Selbstverständlichkeit sein, aber in Zeiten, da alle nur noch auf Einspielergebnisse starren und noch das letzte fehlende Gefühl durch digitale Effekte ersetzen, ist das schon eine Seltenheit. Nicht so in „Das Märchen der Märchen“, das am Donnerstag in die Kinos kommt.

Da wird ein riesiges Herz auf eine Tafel gewuchtet, das einem Seeungeheuer aus dem Leib gerissen wurde, und Salma Hayek als kinderlose Königin zwingt sich trotz allen Widerwillens, es zu verschlingen. Weil ihr ein Zauberer prophezeit hat, dass sie danach über Nacht Mutter würde. Auch im Märchenreich machen Frauen offensichtlich alles, um Nachwuchs zu bekommen. Aber auch der Film selbst leistet damit eine Art Blutzoll.


Wohl bekomm’s: Salma Hayek verschlingt ein Monsterherz Concorde

Es muss nicht immer Grimm sein. Die gelehrten Brüder haben sich, was Märchen anbelangt, zwar als wahre Sammler und Jäger erwiesen, aber es gibt auch noch andere Schätze. Wie Giambattista Basile, ein neapolitanischer Barockdichter, der in seinem „Pentamerone“ ebenfalls Märchen gesammelt hat. Drei davon werden hier gebündelt und, auch wenn sie sich am Ende kaum verknüpfen, eher in- denn nebeneinander erzählt.

Von drei Königreichen ist da die Rede, drei wunderlichen Regenten und echten und falschen Blutsbanden. Etwa die Königin, die besagtes Herz verspeist, muss sehen, dass auch die Köchin, die das Herz gekocht hat, ein Kind gebärt.

Echte und falsche Blutsbande

Beider Söhne werden sich wie Brüder lieben und sehen auch so aus, was die Königin erneut zum Zauberer führen wird. Oder der kauzige König (Toby Jones), der sich mehr für einen selbstgezüchteten Riesenfloh interessiert als für seine Tochter – und sie schließlich einem Oger schenkt, der so gar nichts Lustiges an sich hat wie Shrek und bei dem sie nichts zu lachen hat. Bis sie am Ende selber bestimmt, was einer Prinzessin gebührt.

Schließlich der Schwerenöter unter diesen Kronenträgern (Vincent Cassel), der jeder Magd nachsteigt, sich dann aber in eine Stimme verliebt, ohne zu ahnen, dass sie einer alten Vettel gehört. Die wird mit hässlichen Mitteln versuchen, sich die Falten aus der Haut zu wetzen. Auch im Märchenreich machen Frauen offensichtlich alles, um ewig jung zu sein.

Der Trug fliegt auf, die Alte wird aus dem Turmfenster geworfen. Nur um als wunderschöne Maid – in der Gestalt von Stacy Martin, Lars von Triers „Nymphomania“-Star – aufzuwachen. Womit sie ihre Schwester ins Verderben bringt. Drei Märchen, drei Reiche, drei starke Frauen, die über Grenzen gehen.

Es muss auch nicht immer Disney sein. Das Studio mit den Mäuseohren hat mit seinen Zuckerwattefilmen quasi einen Kodex gesetzt, wie man Märchen zu filmen hat. Am ehesten wird man dem „Märchen der Märchen“ gerecht, wenn man aufzählt, was der Film alles nicht hat: Keine sonore Erzählstimme, die aus dem Off erklingt. Keine bonbonfarbenen Pastelltöne, die das Szenario so künstlich machen, dass es wie eine Animation wirkt. Keine zahl- und seelenlosen Statistenheere.

Garantiert nicht jugendfrei

Keine CGI-Effekte, die etwa den letzten Märchenfilm mit Vincent Cassel, „Die Schöne und das Biest“, komplett implodieren ließen. Und vor allem gibt es hier am Ende kein „… und wenn sie nicht gestorben sind.“ Denn gestorben wird hier viel und nicht sehr schön. Überhaupt, das sei an dieser Stelle betont, ist dieser Film nichts für Kinder. Es gibt auch viel Sex und viel barbusige Frauen in diesem Märchenland.

Matteo Garrone wurde international bekannt durch seinen Mafiafilm „Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra“, der das Gegenteil des Paten-Klischees zeigte, die Banalität des Kriminellen, wenn man so will. Garrone hat danach mit „Reality“ eine Mediensatire gemacht und scheint sich jetzt mit seinem ersten englischsprachigen Film ganz weit von seinen Wurzeln entfernt zu haben. Aber trotz der internationalen Stars (unter anderem zählen noch John C. Reilly und Alba Rohrwacher dazu) hat er einen dezidiert italienischen Film gedreht.

Man muss an Pasolini und seine „Canterbury Tales“ denken, muss auf jeden Fall weit zurückblicken, um auf einen ähnlichen Film zu stoßen, der mit fast archaischen Mitteln so grandiose Bildwelten entwirft. Und nichts beschönigt oder verklärt.

Die Prinzessin (Bebe Cave) etwa, die da an den Oger verhökert wird, ist alles andere als ein Schönheitsideal, aber ein ganz starkes, prägnantes Gesicht. Und am Ende sind all die Trolle, Hexlein und Ungeheuer, auch die menschlichen, den kleinen Verbrechern aus „Gomorrha“ gar nicht so unähnlich.

Antithese zur Disneyfizierung

Garrone hat also, wenn es das überhaupt gibt, ein neorealistisches Märchen gedreht. Hat ihm ein ganz eigenes Gepräge gegeben, die Antithese zu aller Disneyfizierung und „Shrek“-Artigkeit. Während man bei jüngsten Kinomären wie „Spieglein Spieglein“ oder „Cinderella“ schnell einen Zuckerschock ob des Kitschbombasts erleidet, wird man hier auf ganz andere, ganz eigene Art wirklich gefangen genommen. Und, im besten Sinne, verzaubert. Fantasie ist im Kino längst zur Fantasy verkommen, dies ist einer der wenigen Momente, in denen auch die gute alte Fantasie wieder durchblitzt.