Klassik-Kritik

Wenn der Dirigent auf dem Podium zu tanzen beginnt

Enoch zu Guttenberg leitet das Friedensorchester in Berlin

Die jungen Musiker haben in einer Turnhalle geprobt, zwischendurch wohl auch ein bisschen Fußball gespielt, in einer Strandbar gesessen und das Berliner Nachtleben studiert. Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der Schirmherr des Friedensorchesters, hat sich erzählen lassen, wie sich die Ukrainer, Russen, Armenier und Deutschen vertragen haben, und gehört, dass eine Reihe von Freundschaften entstanden sind. „Sie setzen der Sprachlosigkeit etwas entgegen“, meinte der Minister in seiner Ansprache im Konzerthaus und redete im Hinblick auf die wieder wachsenden Spannungen zwischen Russland und der Ukraine von einer Ermutigung: „Mit der Sprache der Musik lässt sich das Schweigen beenden, Misstöne lassen sich überwinden.“

Enoch zu Guttenberg eilt aufs Podium. Der temperamentvolle Querdenker hat mit dem Friedensorchester eine junge, frische Version von Beethovens Neunter Sinfonie einstudiert. Gleich die leeren Quinten und das Crescendo zu Beginn klingen weniger geheimnisvoll als sonst. Der Dirigent hält nichts vom Misterioso, von der entrückten und erhabenen Sphäre. Er beginnt auf dem Podium zu tanzen, sein Beethoven hat Rhythmus im Blut. Damit können alle jungen Musiker etwas anfangen, ganz egal, ob sie aus Russland, der Ukraine, Deutschland oder Armenien stammen. Der Konzertmeister fängt gleich an, mit dem Fuß auf den Boden zu stampfen.

Das Festival will Begegnungen zwischen Jugendlichen verschiedener Nationalitäten ermöglichen. Immer wieder kam es zur Gründung von Projektorchestern, etwa einem deutsch-russischen und einem deutsch-chinesischen. So ambitioniert wie das Friedensorchester war noch keines. Die Bedenken im Vorfeld waren groß. Politische Verwicklungen und Nachteile für die teilnehmenden jungen Musiker wurden befürchtet, ganz abgesehen davon, dass in der Ukraine das Geld fehlte. Am Ende ging alles mehr als gut. Das Friedensorchester Beethovens Neunte spielen zu lassen, fanden manche passend, andere wenig aufregend. Das Werk ist fast 200 Jahre alt. Wenn man sich vor Augen hält, dass viele der jungen Musiker es zum ersten Mal spielen, bekommt die Aufführung gleich ein anderes Gewicht. Und für manchen der eben so jungen Zuhörer im Saal setzt sie Maßstäbe, an denen sich spätere Interpretationen zu messen haben.

Das Friedensorchester spielt eine schnelle, schlanke Interpretation der Neunten. Das klingt zunächst etwas vordergründig und holzschnittartig, zumal man auch nicht jeden Ton auf die Goldwaage legen darf. Am Ende ist man aber doch überrascht, wie gut der rote Faden mithilfe der vier Gesangssolisten und des eindrucksvollen Chors der KlangVerwaltung ins Ziel führt. Hier wird Beethoven nicht als Nationalkomponist verehrt, sondern als Mensch aus Fleisch und Blut, als politisch interessierter Zweifler. Die Musiker tragen in den vier Sätzen handfeste Konflikte aus. Schillers Botschaften aus der „Ode an die Freude“ klingen eindringlich, aber nicht pathetisch.