Kultur

„Beethoven hat sich immer mit Politik auseinandergesetzt“

Enoch zu Guttenberg dirigiert das Friedensorchester mit jungen Musikern aus Russland und der Ukraine im Konzerthaus

Es ist der ungewöhnliche Fall, dass man den Probenbeginn für ein Klassikkonzert beiläufig im ZDF-Morgenmagazin verfolgen kann. Dirigent Enoch zu Guttenberg sitzt am Moderatorentisch, um sich über das Young Euro Classic Friedensorchester ausfragen zu lassen. Derweil wartet eine ihm noch unbekannte Orchesterabordnung brav hinter ihren Instrumenten, um schließlich die „Ode an die Freude“ anzustimmen. Das Lampenfieber und das Ringen um saubere Intonation sind nicht zu überhören. Aufmerksam werden sie vom Dirigenten beobachtet. In diesen wenigen Minuten am Freitag morgen dürfte ihm bewusst geworden sein, wie viel Arbeit mit den jungen Musikern in den nächsten drei Tagen auf ihn warten würde.

Am Sonntag Abend findet im Konzerthaus das Finale des Jugendorchester-Festivals Young Euro Classic statt. Er habe sofort zugesagt, als man ihn anfragte, sagt Enoch zu Guttenberg in unserem Gespräch im „Hotel Adlon“. Er hätte sogar, wenn nötig, ein anderes Konzert dafür abgesagt, fügt er hinzu, so wunderbar findet er die Idee hinter diesem Projekt. Das Festival möchte Neugründungen von Jugendorchestern in der Welt vorantreiben, gerade auch multinationale Orchester. Das große Vorbild dafür ist Daniel Barenboim, der in seinem West-Eastern Divan Orchestra junge Musiker aus Israel und arabischen Ländern friedlich zusammen bringt. Also Unmögliches ermöglicht. Enoch zu Guttenberg bewundert Barenboim dafür.

Jetzt sitzen junge Musiker aus der Ukraine, Russland, Deutschland und Armenien gemeinsam an den Orchesterpulten. Wieder liegen jenseits der Musik auch politische, kriegerische und menschliche Spannungen in der Luft. „Mit Musik kann man zwar keine Politik aushebeln, aber man kann sie infrage stellen“, sagt Enoch zu Guttenberg. Beethovens neunte Symphonie wollen sie sich erarbeiten. Eben auch, weil „sich Beethoven immer mit Politik auseinandergesetzt hat“.

Enoch zu Guttenberg, 69, Vater des früheren Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg, ist einer der charismatischsten Dirigenten hierzulande. Er leitet ein Orchester namens KlangVerwaltung und die Festspiele Herrenchiemsee. Aber natürlich kann auch er nicht ganz von der Politik loslassen. 1975 hatte er den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) mitbegründet. Inzwischen ist er ein leidenschaftlicher Kritiker der politisch gewollten Windkraftanlagen, weil sie die Landschaft zerstören. Auf seinen Reisen zu den Konzertorten macht er Fotos von der Verschandelung. Sein Handy ist voller Fotos.

Als Dirigent gehört Enoch zu Guttenberg zu den Wahrheitssuchern, den Zweiflern. „Interpreten werden überschätzt“, sagt er. „Man muss sich mit Werken so beschäftigen, dass man für jede Note gerade stehen kann.“ Beethoven habe es ihm nie leicht gemacht. Gerade in der Neunten wollen viele nur das Hymnische, das Schöne und Utopische wahrnehmen. „Aber Beethoven war ein an der Welt verzweifelter Mensch“, sagt zu Guttenberg: „Und der Text zerschellt zum Schluss bei Beethoven.“ Er weiß, dass es wohl nicht leicht sein wird, den jungen, erwartungsfrohen Musikern eine solche Weltsicht zu vermitteln. Im Konzert am Sonntag wird man hören, was sich bei den Musikern durchgesetzt hat.