Konzert-Kritik

Junge Opernsänger probieren sich vor Club-Publikum aus

In Neukölln findet einmal im Monat „Opera on tap“ statt

Einen cooleren Titel kann ein Arienabend nicht haben als „Opera on tap“. Frisch gezapfte kurze Opernszenen gibt es einmal im Monat im Bühnencafé Prachtwerk an der Ganghofer Straße in Neukölln. Ein angedeutetes Wohnzimmer, ein weißes Keyboard auf wackeligem Ständer, Straßenkleidung – nichts stiehlt den Opernstimmen die Show. Pur und unmittelbar ist die Show, dabei höchst professionell. Ausgebildete Opernsängerinnen und –sänger probieren frisches Repertoire aus oder machen einfach aus Spaß an der Freude mit. Das zunehmend mitgerissene Publikum sind auch junge Opernsänger, vor allem aber Clubpublikum, das hier vielleicht zum ersten Mal mit solcher Musik in Berührung kommt.

Die Idee hatte die amerikanische Sängerin Jessica Miller. Nach ihrer Zeit als Stipendiatin der Deutschen Oper Berlin rief sie 2005 in New York die erste Opera on tap ins Leben. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich das Prinzip der offenen Bühne für Opernsänger, 15 Städte in den USA bieten inzwischen „Oper vom Fass“ an. Die Mezzosopranistinnen Anne Byrd und Sarah Ring brachten den ersten Ableger nach Deutschland, beide waren begeisterte Opera-on-tap-Sängerinnen, Anne in Boston und Sarah in Michigan. Sie fanden im Prachtwerk den idealen Ort und seit März laden sie Gäste zu ihrem Opernspektakel ein. Studierende wie Profis kommen vorbei, etwa aus den USA, Israel, Deutschland und Frankreich. Das Klischee der schwierigen Operndiva hat hier keinen Platz. Sänger mit festem Engagement wie Seth Carico von der Deutschen Oper sind dabei, genau wie Freiberufler.

Konkurrenz gibt es nicht. „Man steht nicht unter Beobachtung wie beim Vorsingen für eine Rolle“, sagt die mexikanische Sopranistin Aida de la Cruz, „wir sind Teil eines Netzwerks von Menschen mit Leidenschaft für die Oper.“ Sie hat eine Arie aus der mexikanischen Oper „Florencia en el Amazonas“ mitgebracht. Das Programm ist ohnehin bemerkenswert. Wo sonst würde ein Opernabend funktionieren, an dem die bekannteste Arie aus „Ariadne auf Naxos“ stammt und ansonsten Raritäten etwa aus Rachmaninows „Aleko“ oder Smetanas „Dalibor“ zu Gehör kommen? Alle Stücke begleitet der Korrepetitor Daniel Gundlach mit Verve.

Statt mit einem Hut gehen die beiden Opera-on-tap-Walküren in der Pause mit Wikingerhelmen herum. „Wir sind alle auch Darsteller“, erklärt Anne Byrd. „Die stimmliche Qualität soll natürlich halbwegs stimmen, aber wir suchen unsere Gäste vor allem nach Performancequalitäten aus.“ Alle stellen ihre Rolle und die Situation, in der die Arie in der Oper spielt, in wenigen Sätzen vor, dann wird gesungen. Kurzer, jubelnder Applaus und weiter geht es. Jeremy Osbornes „Hamlet“, dem noch ein wenig die Eierschalen hinter den Ohren kleben, wird genauso gefeiert wie Stephanie Weiss’ rührende Trauerarie aus Mascagnis „Cavalleria Rusticana“ oder die Wienerlieder der Kanadierin Tanya Roberts. Ein Knüller ist ein Duett aus Mozarts „Cosí fan tutte“, das Co-Managing Diva Sarah Ring mit Jeremy Osborne singt, endlich ohne die eher störenden Mikrofone und mitten unters Publikum gemischt.