Kultur

Viel Schabernack und andere Katastrophen

Gallis heitere Bilderwelt im Haus am Lützowplatz

Reißt sich da jemand das Herz aus? Die schwungvolle Kohlezeichnung von Galli erscheint mehrdeutig. Natürlich mag sich die Künstlerin im Gespräch erst recht nicht festlegen. "Wenn mich jemand fragt, was das ist, kann ich das doch nicht genau sagen." Die Antwort liegt immer im Auge des Betrachters. Das ist das Schöne. Die Kunst ist selbst ihrem Schöpfer im Ergebnis rätselhaft. Eine Sprache des Unbewussten, die zu Interpretationen anregt.

Dabei gibt es bewusste Entscheidungen. Zum Beispiel, der Fantasie zu Grimms Märchen freien Lauf zu lassen. Wie das Vögelchen mit der Bratwurst und der Maus einen Hausstand gründet, haben die Erzähler beschrieben. Eine skurrile Szene aus diesem Zusammenleben zeigt die Berliner Künstlerin. In einem ihrer poetischen Zeichenbücher nimmt sie das Trio bei Tisch ins Visier. Die Gabel in der Hand des Vogels kommt der Maus bedrohlich nah.

Zeichnungen mit Humor

Steckt Fürsorge hinter dieser Geste oder tatsächlich Aggression? Märchen können grausam sein wie das Leben. Nur gut, dass eine Kartoffelscheibe die spitzen Zacken des Essgeräts abpolstert. Den Assoziationen vor den Collagen, Zeichnungen, Gemälden und Künstlerbüchern im Haus am Lützowplatz sind keine Grenzen gesetzt. Die Galli-Schau "Liebe und Lyrik sind zweckfrei" vereint Werke aller Schaffensphasen – komische Katastrophen, wildes Gliedmaßengerangel.

"Galli treibt Schabernack, stellt die Welt auf den Kopf, kehrt das Unterste zuoberst, bringt die Schwerkraft aus dem Lot", meint der Kunsthistoriker Thomas Deecke über die 1944 geborene Künstlerin, die bis 2005 ihr Können an Studenten der Malerei und Zeichnung in Münster vermittelte. Dabei sticht nicht nur der Humor ihrer ins Groteske driftenden Metamorphosen hervor.

Die merkwürdig anthropomorphen Wesen mit den gedehnten Extremitäten und die monströsen Alltagsgegenstände, mit denen die mehrfach Ausgezeichnete ihr Papiertheater belebt, scheinen auch den Schmerz zu kennen und die Sehnsucht. Sie sind meist kopflos unterwegs und wirken doch sehr menschlich. Etwa im "Klassischen-Getümmel-Bild", das 1990 während eines Stipendiums in der Villa Romana als Erwiderung auf die hohe Kunst Italiens entstand. "Ein Titel muss auch irreführen", findet Galli, "er darf nicht illustrieren." Liegt die Geschichte vor, die sie malend, zeichnend oder mit der Schere schneidend frank und frei erzählt, wird im Nachhinein ein passender Titel für sie gesucht. "Munkelwust & Co" weist auf das Weiterspinnen des Erzählfadens, "Turbasky" auf einen blutroten Mutanten und "Vom Regen in die Traufe (Grüße von der Base Litz)" auf Georg Baselitz, den Verkehrt-herum-Maler. In ironischer Anspielung auf dessen Purzel-Kandidaten, die in den Bildern nach unten baumeln, eröffnet die Metamorphosenmeisterin eine ähnliche Perspektive, nur verschmitzter. Ein Kopfüber-Wesen schreitet mit den Füßen am oberen Bildrand entlang, während unten – verdeckt im Hintergrund – die Urheberin des Widergängers in ihrem Atelier bei der Arbeit sitzt.

Haus am Lützowplatz, Lützowplatz 9, Di-So, 11-18 Uhr. Bis 30.8.

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