Kultur

Meister der Selfies

Ai Weiwei ist ein öffentlicher Mann. Der Künstler dokumentiert sein Leben im Netz

Als Ai Weiwei auf dem roten Teppich dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller entgegentritt, hält er das kleine weiße Ding in der Hand wie einen Revolver. Mit seinem Smartphone blitzt er die drängelnden Fotografen, deren Kameras sich auf ihn richten. Dann gibt es das Selfie, das der Künstler eigentlich bei jedem Treffen macht: lächelnd mit dem lächelnden Müller. Später, hinter verschlossener Tür kommt noch Kulturstaatssekretär Tim Renner dazu. Alles ist im Netz festgehalten: sein Treffen mit Martin Rennert, dem Rektor der Universität der Künste, wo der 57-Jährige im Wintersemester seine Gastprofessur aufnehmen wird. Olafur Eliasson ist dabei, dessen Atelier liegt nah beim Studio des Chinesen am Pfefferberg, in einem unterirdischen Bierkeller. Wo Ai Weiwei auch auftaucht – alle wollen unbedingt ein Selfie mit ihm.

Der chinesische Künstler und Regimekritiker ist ein ziemlich öffentlicher Mann, nahezu täglich stellt er Selfies ins Netz und Fotos von Dingen und Situationen, die wichtig für ihn sind. Eine Art visuelles Tagebuch, eine Form der Selbstvergewisserung, klar kalkulierte Kommunikation und vor allem natürlich: Marketing in eigener Sache. Die Mischung stimmt, Emotionales steht neben offiziellen Terminen. Selbst als Ai Weiwei in Peking unter Hausarrest stand, wusste der Rest der Welt via Instagram, wie es ihm ging. Als er seinen Reisepass zurückbekam, hielt er zuerst das Dokument in die Kamera. Auch die Titelseite der Berliner Illustrirten, Sonntagsbeilage der Morgenpost (Foto), twitterte der Künstler im vergangenen Jahr, setzte seine vielen Follower rund um den Globus von der Berliner Ausstellung in Kenntnis. Die harte Kritik an seinem angeblich falsch übersetzten Interview in der „Zeit“ – seinen Ärger formulierte er umgehend im Netz. Momentan scheint er zu fremdeln in seiner Rolle als ewiger Dissident. Aber das ist ein anderes Thema. „Meine Heimat sind die Medien“, sagte er kürzlich im ZDF-„Morgenmagazin“. Und darin werde er auch in Zukunft leben, „egal ob das jetzt Peking ist oder Berlin oder ein anderer Ort auf der Welt“. Wir werden von Ai Weiwei also noch hören. GW.