Kultur

Geschäftiges Treiben wie auf einer Baustelle

Mit einer Uraufführung von Sinem Altan stellt sich die türkische Jugendphilharmonie bei Young Euro Classic in Berlin vor

Vor dem Konzerthaus ist die türkische Flagge gehisst. Auch drinnen hört man andere Sprachfetzen als sonst. Viele türkische Musikfreunde sind zum Young-Euro-Classic-Festival gepilgert. Wenn die Nationale Jugendphilharmonie der Türkei in Berlin auftritt, ist das schon fast ein Heimspiel. Nicht nur, weil viele Berliner Türken das Orchester hören wollen, sondern auch, weil das Ensemble schon ein Stammgast beim Festival ist. Regierungssprecher Steffen Seibert wünscht als Pate der Veranstaltung „Toitoitoi“ auf Türkisch.

Es ist eine schöne Festivaltradition, dass jedes Orchester eine neue Komposition aus seinem Heimatland mitbringt. Wobei „mitbringen“ in diesem Fall das falsche Wort ist. Die türkische Komponistin Sinem Altan lebt seit ihrer Kindheit in Berlin und ist im Musikleben der Stadt bestens präsent. Man kann sie mit ihrem Ensemble Olivinn erleben, das mit europäischer Klassik, türkischer Volksmusik und Jazz experimentiert. Oder im Maxim Gorki Theater bei „Onkel Wanja“, wo sie Klavier spielt und mit angeklebtem Bart eine kleine Männerrolle übernimmt. Die umtriebige Komponistin schreibt aber auch Opern und Streichquartette.

„Hafriyat – Earthwork“ heißt ihr neues Stück, das sie im Auftrag des Jugendorchester-Festivals geschrieben hat. Ein ganzer Zyklus soll daraus entstehen. Im Programmheft schreibt sie, dass es – metaphorisch gesehen - um Baustellen geht, eigentlich um den wenig pfleglichen Umgang des Menschen mit der Erde. Ein großes Thema für ein Stück von sechs Minuten Dauer.

Das Werk selbst ist spannender als der Programmheftbeitrag. Witzigerweise klingt es wirklich wie das geschäftige Treiben auf einer Baustelle. Alle Instrumente graben in den tiefsten Registern, hämmern und werkeln in wilden Rhythmen. Das originelle Stück nimmt am Wettbewerb um den Europäischen Komponistenpreis teil, der am Ende des Festivals von einer Publikumsjury verliehen wird. Bravorufe hat Sinem Altan auf jeden Fall schon einmal bekommen.

Seit Atatürks Europäisierung der Türkei in den 20er-Jahren gibt es dort auch ein westliches Musikleben mit Konservatorien, Opernhäusern, Orchestern und Chören. Die Nationale Jugendphilharmonie existiert allerdings erst seit 2007. Sie ist in der Zeit bis nach Rom, Brüssel und Linz gereist und hat sich zu einem wichtigen Kulturbotschafter der Türkei bei Festivals und Staatsfeiern entwickelt.

Nach Berlin ist das Jugendorchester mit seinem Gründer und Leiter Cem Mansur gekommen. Er hat keine symphonischen Schwergewichte aufs Programm gesetzt, sondern eine Sammlung von musikalischen Bildern und Geschichten. Man darf Stücke wie Mussorgskis „Der Jahrmarkt von Sorotschinzy“ oder Debussys Spanien-Hommage „Ibéria“ nicht unterschätzen. Ständig wechseln die Tempi und Stimmungen, die Bläser haben jede Menge vertrackte Solostellen zu spielen. Die jungen Türken bewältigen das alles problemlos, malen farbig den Dorfmarkt in der Ukraine und das spanische Straßenflair.

Die überbordende Spielfreude, für die dieses Orchester eigentlich bekannt ist, kommt aber erst im zweiten Konzertteil auf. Igor Strawinskis „Petruschka“, die Geschichte vom russischen Hanswurst, der auf einem Volksfest mit dem Mohren um die geliebte Ballerina kämpft, entfesselt das Temperament der Türken. Das Publikum erjubelt sich drei mitreißende Zugaben.

Young Euro Classic: Im Konzerthaus gastiert am 18.8. um 20 Uhr das Nationaal Jeugd Orkest Symphony Orchestra aus den Niederlanden Tel. 8410 8909