Konzert-Kritik

Marie Biermann provoziert mit Liedern ihres Vaters

Verruchtes Revue-Programm in der Bar jeder Vernunft

Wolf Biermanns Tochter Marie steht nach einer kurzen Karriere als Schauspielerin seit einiger Zeit mit den Liedern ihres Vaters auf der Bühne. In ihrer Jugend habe sie Take That gehört und Buffalos getragen, erzählte sie in einem Interview, es brauchte eine Weile, um sich aus dem Biermann’schen Kulturkosmos freizuschwimmen, „in dem jedes Wort auf die Waagschale gelegt wird“. So hat sie sich auch nicht die politischen Ätz-Balladen rausgepickt, sondern die weniger sendungsbewussten Kneipen- und Liebeslieder, die ihr Vater in den 60er-Jahren für seine damalige Freundin Eva Maria Hagen schrieb.

„Vom donnernden Leben – Lieder über Sehnsucht, Lust und Hafen“ ist das Motto der Reihe „100 % Frauensommer“, bei der Biermann diese Stücke, aber auch Lieder von Brecht oder Albers, zusammen mit dem Pianisten Siegfried Gerlich in der Bar jeder Vernunft als verruchte Revue-Nummern inszeniert.

Die 35-Jährige betritt die Bühne in einem kleinen Schwarzen, Wangen und Dekolleté glänzen bereits nach dem ersten schmetternden Seemannslied. Sie will heute Abend „irdisch und echt“ sein, sagt sie. Vor zehn Wochen ist sie Mutter geworden, eine zuweilen traumatische Erfahrung, und jetzt sei sie sich nicht sicher, ob es Schweiß oder Milch ist, was ihr gerade die Brustpads aufweicht. Diese provokante Direktheit könnte sie von ihrem Vater geerbt haben. Mit derselben Selbstverständlichkeit singt sie seine derben Milieu-Balladen, vom fetten Kaufmann, der sein „Düdel nur im Spiegel anschauen kann“, oder von den Nutten am Fischmarkt, deren Freier den Samen abschlagen wie eine Notdurft. Einige im Publikum hüsteln. Man wird aber auch gut unterhalten, wenn man die Texte außen vor lässt. Marie Biermann ist mit dieser kräftigen, rauchigen Stimme gesegnet, die alle Cabaret-Tonarten, von schrill bis verführerisch, problemlos abdeckt. Sie tut gut daran, die Pamphlete ihres Vaters, von denen man die meisten heute ja nur noch als spröde Geschichtsdokumente hören kann, außen vor zu lassen und sich stattdessen auf universellere Themen zu konzentrieren: Wie viel Einsamkeit verträgt der Mensch? Wie viele Männer sind gesund für eine Frau?

Den zweiten Teil des Abends beginnt sie mit „Erinnerung an Marie A.“, Brechts süßer Ode an die Vergänglichkeit der Liebe. Es geht jetzt ruhiger zu mit Arien über Herzschmerz, ein bisschen Lindenberg („Alkohol-Mädchen“) und Hanns Eislers „Lied des Freudenmädchens“. Sie hat selbst oft mit Liebeskummer gekämpft, erzählt die gebürtige Hamburgerin. Nach dem jiddischen Gassenhauer „Bei Mir Bistu Shein“ sind ihre Haare noch zerzauster, und die Wangen glühen. „Schön ist es hier in unserem Saunaklub“, sagt sie und wirbelt mit einem Handtuch. Es muss schwer sein, Authentizität zu bewahren, wenn man die Lieder anderer nachsingt, besonders, wenn es sich um die Lieder des eigenen Vaters handelt. Marie Biermann hat es raus.