Kultur

Wettbewerb der Sturköpfe

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Isabel Metzger

Jürgen Wölffer inszeniert „Der Mann, der sich nicht traut“ als Geschlechterkampf

„Der Mann, der sich nicht traut“ ist so etwas wie ein Klassiker der West-Berliner Theaterlandschaft. 1973 wurde das Stück aus der Feder des Komödienaltmeisters Curth Flatow zum ersten Mal am Kurfürstendamm aufgeführt. Über 500 Vorstellungen folgten dort. So ist es wenig verwunderlich, dass auch die Neuinszenierung 42 Jahre später mit einigen Urgesteinen der Szene aufwartet. Die Regie führt Jürgen Wölffer, der fast 30 Jahre lang die Bühnen am Kurfürstendamm leitete. Die Hauptrolle des heiratsabstinenten Standesbeamten Wolfgang Jäger spielt Markus Majowski – der Berliner ist seit Ende der 80er-Jahre regelmäßig am Kurfürstendamm zu sehen. Es ist ein Stück, dessen Charaktere manchmal aus der Zeit gefallen scheinen und deren Geschichte doch nie so gut passte wie heute, wo Selbstbestimmung und Familiengründung zum unvereinbaren Problem werden.

Eigene Ordnung zurechtgelegt

Wolfgang Jäger (Markus Majowski) lebt getrennt von seiner nervenden Ex (Birge Funke) und teilt sich mit Sohn Ullrich (Tom Ohnerast) die Wohnung. Vom Heiraten will er nichts mehr wissen. Sein Beruf ist ihm verhasst. In seiner Rebellion gegen die „ganze Verlogenheit dieser Institution, die man Ehe nennt“, hat er sich seine ganz eigene Ordnung zurechtgelegt. Die Bühne ist umrahmt von Wänden aus ebenmäßigen, quadratischen Plastikfliesen. Die Sonne scheint pünktlich zum Fenster herein, täglich zwischen 16 Uhr und 17.30 Uhr. Seine Affäre mit der Sekretärin Fräulein Lamm (Simone Pfennig) hat ihren festen Termin am Dienstag. Selbst der Staubsauger gehorcht auf den Befehl „Husch ins Körbchen“. Da ist kein Raum für Alternativen, kein Blick führt hinaus aus dem Scheuklappen­leben des überzeugten Geschiedenen. Jäger hat sich selber überdauert. Auf dem Schreibtisch im Büro steht noch ein grünes Schnurtelefon. Der Zucker zum Frühstück kommt in der „guten“ geblümten Porzellandose im Meißner Stil. Das alles ist so verstaubt wie die Plastikblumen, die seit Jahren im Wohnzimmerschrank des Vaters begraben liegen und doch nie welken wollen.

Flatow hatte dem Schauspieler Georg Thomalla die Rolle quasi auf den Leib geschrieben. Mehr als tausend Mal war der auf deutschen Bühnen als Wolfgang Jäger zu sehen. Und natürlich soll man von Majowski nicht einfach das gleiche Schauspiel erwarten wie von Thomalla. So durch und durch biedermeierlich lässt er den Wolfgang Jäger auf der Bühne nicht agieren. Was ihn keineswegs schlechter aussehen lässt. Majowski spielt gekonnt die süffisante Selbstironie heraus, die seiner Figur innewohnt. Sein Herr Jäger ist Despot und Memme zugleich, ein von seinem eigenen Gefühlsleben Entnervter, „ein verbrannter Erwachsener“, sagt er. Zigmal wischt er sich den Schweiß von der Stirn, stopft sich eine Tablette nach der anderen in den Mund. Wenn er zärtlich ist, dann vergeht er sich in zart dahingehauchten „Bussis“. Wenn er wütend ist, dann brüllt er seine Wut mit dem Organ eines herrischen Patriarchen heraus. Und wenn ihn der Mut verlässt, dann mutiert er zum kleinlauten Schuljungen. Das tut er oft.

In Jürgen Wölffers Inszenierung haben die Frauen das Zepter in die Hand genommen. Adisat Semenitsch überzeugt als selbstbewusste Julia Goertz, die ihren Leidenschaften treu bleibt und mit flotten Sprüchen kontert. Und selbst Frau Lamm (Simone Pfennig) macht bis zum Ende eine radikale Entwicklung vom Mauerblümchen zur Femme fatale in Strapsen durch. Fast absurd altmodisch mutet es da an, wie romantisch-ergeben sich die junge Generation (Eileen Osei und Tom Ohnerast) inmitten der Irrungen und Wirrungen ihrem neuen Familienglück widmet. Aber die gerät ohnehin mehr zum Nebenschauplatz.

Wölffer inszeniert die ungleiche Beziehung zwischen überzeugtem Spätgesellen und emanzipierten – wenn auch gebärfreudigen – Geschäftsfrauen als Wettbewerb der Sturköpfe. Aus Schwäche verstrickt sich Wolfgang Jäger in den Gefühlswirren, die sich über seinen wohlsituierten Alltag legen. Und gibt seine Freiheit immer mehr auf.

Eine Angst, die der Drehbuchautor am eigenen Leib kannte. 1973, im Jahr der Uraufführung, war Flatow selber seit acht Jahren allein. Flatow war 53. Die erste Ehe scheiterte. Man könnte mutmaßen, sein eigenes Leben schrieb das Drehbuch zum „Mann, der sich nicht traut“. „So viele Frauen fressen einen bald mit Haut und Haaren, sie begreifen nicht, daß jeder in einer Partnerschaft sein Eckchen für sich behalten muss“, sagte er damals in einem Interview mit der Zeitung „Der Abend“. Die Ironie des Schicksals will es, dass er sieben Jahre später seine zweite Frau Brigitte ehelichte. Und mit ihr bis an sein Lebensende 2011 zusammenblieb.

Theater am Kurfürstendamm, Kurfürstendamm 206/209. Tel.: 88 59 110.
Di–Sa 20 Uhr, So 18 Uhr. Bis 13.9.