Kultur

Wenn Mütter besessen davon sind, sich zu vergleichen

„Bodentiefe Fenster": So böse erzählte noch kein Buch über das Leben im Prenzlauer Berg. Der neue Roman von Anke Stelling.

Anke Stelling, Copyright Nane Diehl PR Foto Verbrecher Verlag

Anke Stelling, Copyright Nane Diehl PR Foto Verbrecher Verlag

Foto: Nane Diehl

Sandra geht es gut. Sie hat einen Mann und einen Sohn und eine Tochter, sie hat Arbeit und Freundinnen. Sie wohnt in einer selbst gestalteten Wohnung in einem selbst verwalteten, generationsübergreifenden Hausprojekt in Prenzlauer Berg mit mehreren gemeinschaftlich nutzbaren Räumen und einem Garten für alle und Plenumssitzungen, bei denen die Bewohner alle Themen des gemeinsamen Lebens so lange besprechen können, bis alle zusammen eine gemeinsame Lösung finden. Oder bis einer ausrastet.

„Einer ist keiner, zwei sind mehr als einer, sind wir aber erst zu dritt, machen alle anderen mit.“ Volker Ludwig, der Gründer des Grips-Theaters und Miterfinder der kindlichen Emanzipation, hat dieses Lied geschrieben. Er ist der Held von Sandras Kindheit, weil er der Held von Sandras Mutter ist, die ihre Erwartungen auf die Tochter übertragen hat. So wie Sandra ihre Erwartungen wiederum auf ihre Tochter überträgt. „Deshalb haben wir Kinder bekommen: um Experimente an ihnen durchzuführen. Was wir dabei übersehen haben, ist die Tatsache, dass man nicht Kinder kriegen kann, ohne Eltern zu werden.“

„Einer ist keiner“ ist die Hymne von Sandras Leben und ihr Credo. „Ich bin die Botschafterin der Hoffnung, der Freude, der Gerechtigkeit, der Liebe des Friedens, des Gripses und der Beharrlichkeit.“ Die Welt ist veränderbar, und Sandra wähnt sich dem Auftrag verpflichtet, mit allen gemeinsam eine Lösung für alle zu finden. So lange, bis schließlich sie ausrastet.

Alle vergleichen sich miteinander

Anke Stellings neuer Roman „Bodentiefe Fenster“ führt uns in die Abgründe der Utopie von einem besseren Leben und der linksliberalen Ideologie unserer Elterngeneration, an der Sandra verzweifelt. Besser kann es einem immer nur im Vergleich mit den anderen gehen. Und Stellings Heldin ist besessen davon, sich zu vergleichen.

Mit Kerstin, die keine Kinder hat, mit Tinka, deren Sohn verhaltensauffällig ist, mit Freundinnen, die auch gerne eine Tochter gehabt hätten, Freundinnen, die keinen Mann mehr haben. Die wiederum vergleichen sich miteinander und mit Sandra. Und allen geht es gut. Das kann man sehen durch die titelgebenden „Bodentiefen Fenster“, die keine Gelegenheit für Geheimnisse, für Abweichungen oder Unordnung lassen. „Es ist wichtig. Es ist lebensentscheidend. Alle müssen gleich sein“, bringt Sandra ihre Fixierung auf den Punkt.

Die bodentiefen Fenster sind ein Statussymbol. Mit ihnen drücken Sandra, Hendrick und die anderen aus ihrer Baugruppe aus, dass sie nicht so sind wie die Spießer, die sich hinter Geranien und Balkonssichtschutz verstecken. Hier herrschen Offenheit und Transparenz, und Licht statt Dunkelheit und Mief.

Sandra und ihren Freunden geht es gut, besser zumindest als den anderen in ihrem Umfeld. Davon ist jeder überzeugt. Und als denen in anderen Ländern sowieso. Zum Beispiel in den Ländern, in denen es Krieg gibt und Kindersoldaten.

Eltern mit großen Erwartungen

Die Welt, die Anke Stelling hier für ihre Leser entwirft, ist durchtränkt mit den Lebensweisheiten einer Elterngeneration aus den 70er-Jahren, die wiederum unbedingt alles anders machen wollte ihre Eltern. Nur sind die Parolen zu Floskeln geworden. Sandra hat längst erkannt: Wenn alle alles gemeinsam entscheiden wollen, dann wird gar nichts entschieden. Die antibürgerlichen Ideale führen nicht zu einem Idealzustand. Weil das Private politisch ist, wird in der Konsequenz auch jeder noch so private Moment zu einem Schlachtfeld, auf dem gesamte Lebensentwürfe beurteilt werden.

Sandra drängt sich im Bett ihrem lustlosen Mann Hendrick auf, nicht weil sie Lust auf Sex hätte, sondern weil sie dann wenigstens vor den anderen so tun könnte, als habe sie ein leidenschaftliches Liebesleben. Wenn schon sonst nichts klappt.

Ihre Schwester leiht ihren Mann einem lesbischen Paar als Erzeuger für ein Kind aus, weil laut der Ideologie der Müttergeneration die biologische Familie völlig unwichtig ist und nur die soziale Familie zählt. Woraufhin der Mann mit der ehemals lesbischen Kindsmutter durchbrennt.

Auf das Geburtstagfest bringen alle ihre Kinder mit, damit alle gemeinsam Spaß haben können, und wollen sich nicht eingestehen, dass so eigentlich keiner Spaß hat. Die Eltern nicht, die ständig die Kinder kontrollieren, und die kontrollierten Kinder erst recht nicht. Aber diese Eltern definieren sich nun mal über ihre Kinder. Deswegen ertragen sie auch nicht, wenn ihre Kinder sich nicht so benehmen, wie sie es sich vorstellen. Sandra sieht, „dass die Erwartung an Dreijährige, sich in Vierzigjährige und deren Traum von einem gelungenen Nachmittag hineinzuversetzen, zu hoch ist. Um nicht so sagen: auch eine Form der Aggression.“ Doch Sandra kann sich aus den eigenen Erwartungen genauso wenig befreien, wie sie ihre Freundinnen retten kann. Obwohl sie es so gerne möchte.

Zwischen Bionade, Neuland-Fleisch und Zimtwecken

Anke Stelling erzählt Sandras Leben durch einen inneren Monolog ihrer Heldin. Die Handlungsebene sind wenige Tage im Sommer, die Erzählung wird durch Rückblenden und Reflexionen über Sandras Familiengeschichte bereichert.

„Bodentiefe Fenster“ ist, wie Sandras Wohnprojekt, generationsübergreifend. So ist die Geschichte von Sandras Leben gleichzeitig die Geschichte von ihrer Mutter, einer Frau, die aus der Arbeiterschicht stammt und die sich aber dennoch mit Fleiß und Beharrlichkeit in die 68er-Kreise reingearbeitet hat, obwohl die bei Weitem nicht so integrativ und heterogen waren, wie sie sich gerne gegeben haben. Sie hat das getan, weil sie wollte, dass ihre Tochter es einmal besser hat. Doch dieser Wunsch ist für Sandra ein Zwang geworden.

Es ist ein Buch über den Perfektionswillen moderner Mütter und deren eigener Mütter geworden, und eines über ein kleines, besser gestelltes Viertel in einer deutschen Großstadt, in dem man ganz bewusst Bionade trinkt und Neuland-Fleisch isst und abends noch Zimtwecken backt, so wie in Astrid Lindgrens Kinderbuchklassiker „Wir Kinder aus Bullerbü“.

Keine distanzierte Betrachtung

Aber Stellings Roman fügt sich nicht ein in die endlose Reihe der ironisch-distanzierten Betrachtungen dieser Lebensweise der Bessersituierten. Dieses Buch ist weitaus böser als die üblichen Geschichten aus dem Prenzlauer Berg. Und seine Erzählerin tut nicht so, als hätte sie mit all dem nichts zu tun.

„Bodentiefe Fenster“ ist der vierte Roman von Anke Stelling. Die gemeinsam mit Robby Dannenberg verfasste Liebesgeschichte „Gisela“ wurde 2004 verfilmt. Ebenso wie die Titelgeschichte ihres Erzählbandes „Glückliche Fügung“. Wie in ihren vorangegangenen Werken orientiert sich die Erzählerin wieder an Welten, die ihr vertraut sind, wie der Dialog zwischen Sandra und Hendrick an einem Sonntagmorgen zeigt. Eigentlich wollte Sandra ihn für sich allein haben, doch merkt sie rasch, dass sie mit sich nichts anzufangen weiß, nachdem er mit den Kindern im Mauerpark verschwunden ist.

„Soll ich kommen“, frage ich Hendrick am Telefon. „Klar. Wenn du willst.“ – „Willst du denn, dass ich komme?“ – „Doch natürlich, mach doch.“ – „Ich weiß nicht so recht, was macht ihr denn da?“