Chinesischer Künstler

Ai Weiwei kann sich Professur in Berlin vorstellen

Vier Jahre lang durfte der berühmte chinesische Künstler nicht reisen. Jetzt ist er in Berlin - und bittet zum Atelierbesuch.

Ai Weiwei ist seit Mittwochmittag in Berlin, beim Asiaten hat man ihn schon beim Nudelsuppelöffeln in Prenzlauer Berg gesichtet, nicht weit entfernt von seinem Studio und Lager im Pfefferberg. In den imposanten, denkmalgeschützten Bierkellern arbeitet ein Team für ihn, managt von hier aus Angelegenheiten für Deutschland. Bereits vor seiner Verhaftung ließ er die Hallen sanieren, dort unten stehen auch jene Hocker, die im vergangenen Jahr den Lichthof im Gropius-Bau füllten. In einem riesiger Saal befindet sich ein Tisch mit Computern einer US-Marke. Einst wummerten in den unterirdischen Gewölben Techno-Beats. Zu Ai Weiweis Nachbarschaft am Pfefferberg gehören neben der Architekturgalerie Aedes die Galerien Mikael Andersen und Akira Ikeda, sein prominentester Nachbar aber ist der Künstler Olafur Eliasson, der hier im Haus 3 sein Atelier hat.

Großes Studio im Pfefferberg

Ai Weiwei den Gewölbe-Ausbau weiterführen, ansonsten hat er für Berlin, „noch keinen klaren Plan“, aber einen „Haufen Sachen“, die auf ihn warten, sagt er in einem dpa-Interview. Auf jeden Fall möchte er erst einmal viel reisen, was er die letzten Jahre, ohne Pass, nicht durfte. Zumal er ein riesiges Programm vor sich hat, Ausstellungstermine stehen an, die er mit seinem Team in Berlin gerade vorbereitet. London wird dabei sein, nachdem die politischen Turbulenzen um sein Visum beigelegt sind. Am 19. September wird in der Royal Academy of Arts in London seine bislang größte Einzelschau in Großbritannien eröffnen. Parallel dazu organisiert er für die National Gallery of Victoria (NGV) im australischen Melbourne für Dezember eine Fotopräsentation.

Wie lange er nun in Berlin bleibt? Ungewiss. Das hänge davon ab, „wie lange Deutschland mir erlaubt, hier zu bleiben. Und zweitens, wann mein Studio in Peking mich wieder braucht“. Eine ausweichende Antwort, sie entspricht wohl dem diplomatischen Gespür, denn Ai Weiwei möchte seine Rückkehr nach China auf keinen Fall gefährden. Er versuche, die „direkte Konfrontation zu vermeiden, die ich gesucht habe – die mir so viel Bewegungsfreiheit und Gehör in China genommen hat.“ Jeder müsse aus seiner „Vergangenheit lernen“.

Das klingt nach Lehrsatz, ganz untypisch für Ai Weiwei, der stets mit markigen Sprüchen die Funktionäre zur Weißglut brachte. Die chinesischen Behörden hatten dem Regimekritiker nach 81 Tagen Haft vier Jahre lang seinen Pass vorenthalten. Erst in der vergangenen Woche durfte er nach Deutschland ausreisen. Er habe bislang, erzählt er, im Umgang mit den Machthabern keine neue Strategie. Der 57-Jährige ist ein Medienmann, alles, was er kommuniziert, ist wohl dosiert, seine Aussagen kalkuliert. Der Druck, der in China auf ihn ausgeübt wurde, war gewaltig und dürfte es immer noch sein, auch wenn der Chinese seinen Pass zurück hat und nun bei seiner Familie in Berlin ist.

Ai Weiwei geht davon aus, dass nach wie vor jeder Schritt von ihm registriert werde. „Überall. Ich glaube, das wird mich mein Leben lang begleiten.“ Ai Weiwei hat immer gesagt, dass er nach China zurück will und nicht ins Exil. „Aber das innenpolitische Klima ist nach wie vor sehr repressiv“, meint Geron Sievernich, Chef des Martin-Gropius-Baus. Er hofft, Ai Weiwei nächste Woche im Kreuzberger Ausstellungshaus treffen zu können.

Gastprofessur an der UdK

Seine neue Reisefreiheit, ist Ai Weiwei sich sicher, verdanke er auch der Unterstützung deutscher Politiker, die in China die Menschenrechtslage angesprochen haben. „Jeder Versuch, offen und klar seine Meinung zu sagen, trägt dazu bei, den Boden für Fairness und Gerechtigkeit zu bereiten. Und ich glaube, die deutschen Politiker sind da in ihrer Haltung gradlinig.“

In Berlin ist Ai Weiwei dieser Tage ein gefragter Mann. Seine Agentin bekommt Anfragen aus ganz Europa, Spitzen der Berliner Politik möchten ihn schnell sehen. Mit dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) wird gerade ein Treffen vereinbart.

Martin Rennert, Präsident der Universität der Künste (UdK) hat seinem Studio drei Termine für nächste Woche vorgeschlagen. „Wir warten auf eine Zusage.“ Und: „Wir hoffen, dass Ai Weiwei die Gastprofessur bereits im nächsten Semester aufnimmt.“

Es wird wichtig sein, die Modalitäten für diese Berliner Professur auszuhandeln, der Lehrauftrag muss sich in Ai Weiweis „besondere Situation einfügen“. Wenn es per Internet ginge, muss „ich ja nicht ständig da sein“. Wenn es aber mehr um „shake hands“ ginge, müsse er „vielleicht jemanden finden, der so aussieht wie ich“.