Kultur

Fräulein Svendsens Gespür für Angst

Nach Peter Høegs Megaseller vor 23 Jahren erscheint jetzt sein neuer Roman „Der Susan-Effekt“

Die Wirklichkeit – oder das, was wir für Wirklichkeit halten – ist nicht mehr als eine Fassade, dahinter geschehen Dinge, die wir uns kaum vorstellen können. Das wusste schon Smilla Jaspersen in Peter Høegs Megaseller „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ (1992).

Wie Smilla kämpfen viele von Høegs Protagonisten gegen das Böse, besiegen es – oder unterliegen ihm wie in dem Roman „Der Plan von der Abschaffung des Dunkels“ (1993). Zuvor müssen sie aber so viele Rätsel lösen, dass man manchmal Probleme hat, durchzublicken. So siedelt Høegs Roman „Das stille Mädchen“ (2006) nahe am Rande der Unverständlichkeit.

Sein neuer Roman „Der Susan-Effekt“ ist wieder handfester geraten. Die Ich-Erzählerin Susan Svendsen ist aus dem gleichen Holz wie Smilla geschnitzt: eine intelligente, eigenwillige, geistesgegenwärtige Person, die sich in der Not den Weg auch mit einem Kuhfuß freischlägt.

Diese Susan, Dozentin am Institut für Experimentalphysik in Kopenhagen, verfügt neben ihrer hervorragenden beruflichen Qualifikation über eine besondere Fähigkeit: Ihre Mitmenschen verlieren ihr gegenüber die Selbstkontrolle und erzählen auch intime Dinge aus dem eigenen Leben. Diesen „Susan-Effekt“ beherrscht auch Ehemann Laban, der als gerühmter Komponist tätig ist. Das Ehepaar, das als Kulturbotschafter der Unesco unterwegs ist und mit dem 16-jährigen Harald und seiner Zwillingsschwester Thit nette Kinder hat, wird aus seinem behaglichen Leben unversehens ins Chaos gestürzt.

Denn die Bilderbuchfamilie Svendsen ist in Indien ausgerastet: Mutter Susan hat einen Liebhaber umzubringen versucht und sitzt im Gefängnis, Vater Laban ist mit einer Maharadscha-Tochter nach Goa gereist und hat die südindische Mafia auf seinen Fersen, Sohn Harald sitzt wegen Antiquitätenschmuggels in einer kleinen Grenzstadt zu Nepal im Gefängnis, und Tochter Thit ist mit einem Priester des Kali-Tempels in Kalkutta durchgebrannt.

Ein bisschen viel das Ganze? Wohl wahr, aber der Roman funktioniert nach dem Prinzip, das Unwahrscheinliche zu zeigen und es immer wieder zu übertrumpfen. Die indische Katastrophe, die Høeg für seine Verhältnisse erstaunlich ironisch und sarkastisch erzählt, geht gut aus. Der Geheimdienstmann Thorkild Hegn schmuggelt die Familie zurück nach Dänemark. Doch das hat seinen Preis: Die Familie Svendsen dürfe, so Hegn, wenn sie mithilfe des Susan-Effekts eine Aufgabe löse. Wieder einmal erzählt der Autor ein existenzialistisches Märchen, in dem das Böse wie eine Naturgewalt über die Menschen kommt. Die Svendsens sollen Unterlagen über eine „Zukunftskommission“ besorgen, die zwischen 1972 und 1974 exakte Aussagen über die kommenden Jahrzehnte getätigt hat.

Høegs Geschichte über Zukunftsangst und Zukunftsgläubigkeit, über totalitäre Fantasie und individuelles Glücksverlangen schwankt zwischen Satire und Zivilisationskritik. Er ist eine Parabel über die Moderne und ein ziemlich rabiater Thriller. Wer es mag, wenn es drunter und drüber geht, der ist hier richtig.

Peter Høeg: Der Susan-Effekt. Hanser, München. 400 S., 21,90 Euro.