Kultur

Der Orgelrebell lässt es auch im Kino krachen

Cameron Carpenter interpretiert „Metropolis“

Fürs Kinodunkel lohnt sich das Aufbrezeln nicht. Auf dem Plakat über dem Portal des (übrigens nach wie vor bestreikten) Babylon-Kino am Rosa-Luxemburg-Platz ist Cameron Carpenter noch gewohnt punkig zu sehen. In den Saal tritt der Orgelrebell dann für seine Verhältnisse fast zahm. Nur das schimmernde Hemd ist ein matter Zeuge seiner sonstigen Exzentrik. Aber der in Berlin lebende Amerikaner steht heute ja nicht im Konzertrampenlicht. Er wird an der Kinoorgel einen Stummfilm begleiten. Die Fans sind deshalb früh gekommen und setzen sich wissend nach links außen. Um nicht nur auf die Leinwand, sondern auch auf das Instrument gucken zu können. Die letzte Stummfilmorgel Deutschlands, die noch am Originalort in Betrieb ist. Einige Mutige gehen sogar vor und inspizieren sie genauer, mit respektvollem Abstand.

Bach und die Maschinen

Dann kommt der 34-Jährige. Hockt sich hin und legt gleich los. Zum Klassiker der Klassiker: „Metropolis“. Berlin hat Fritz Langs Meisterwerk in letzter Zeit oft genug erleben dürfen. 2001 bei der Restaurierung im Berlinale-Palast. 2010 erneut mit den um die letzten 40 verschollenen und wiederentdeckten Filmminuten im Friedrichstadtpalast und, unvergessen, bei Eiseskälte vor dem Brandenburger Tor. Damals hat man auch die Originalpartitur recherchiert und neu eingespielt.

Doch darauf pfeift Carpenter. Er macht sich auf das Kinojuwel (das hier in der kürzeren Fassung von 2001 gezeigt wird) seinen eigenen Reim. Das geht nicht gleich auf. Zu dem rhythmischen Stampfen der Maschinen zu Beginn scheinen die Bach’schen Variationen nicht recht zu passen. Auch als eine Sirene im Bild aufheult, kommt der entsprechende Ton ein wenig verspätet.

Mister Carpenter muss sich wohl erst einspielen. Sein sonst irrwitziger Füßetanz auf den Pedalen bleibt auch aus. Dafür spielt er wild auf den Zusatztasten, die nur diese Orgel bietet. Carpenter lässt es heulen, quietschen und pfeifen, betätigt allerlei Percussion-Effekte, Fahrradklingeln, Glockenläuten, Schiffshörner, singende Sägen. Ein einziges lustvolles Tschingerassa. Dazu reißt er immer wieder klassische Melodien an, die, bis man sie erkannt hat, längst anderswo hinmodulieren. Und haben wir da wirklich „Oh du fröhliche“ herausgehört? Aller Orgelbombast bleibt für den Showdown, wenn im Film die Maschinenstadt zusammenbricht. Ein Abend zwischen Schaubude und Konzertsaal, die uns vergegenwärtigen, dass der Kintopp ursprünglich eine Jahrmarktsensation war. Am Ende verbeugt sich der schweißnasse Künstler vor dem begeisterten Publikum. Und weg ist er. Man kann ihn aber an den nächsten beiden Sonnabenden noch einmal hier erleben, mit „Nosferatu“ und „Berlin – Sinfonie der Großstadt“.