Kultur

Landschaften im Sommer

Erich Heckel hat seinen jüngeren Kollegen Max Kaus stark geprägt

Erich Heckel (1883–1970) und Max Kaus (1891–1977) lernten sich im Ersten Weltkrieg während ihrer Zeit als Sanitäter im flandrischen Ostende kennen. Daraus entstand eine enge lebenslange Künstlerfreundschaft. Mit rund 100 Werken aus der eigenen Sammlung und Privatbesitz spürt das Brücke-Museum nun der ungewöhnlichen Beziehung der beiden Männer nach, folgt dem regen Austausch über die Jahrzehnte.

Grafik auf Dienstplänen

Der deutsche Sanitätszug in Flandern versammelte wohl dank seines Leiters Walter Kaesbach, Kunsthistoriker und Kustos an der Berliner Nationalgalerie, hauptsächlich Maler und Schriftsteller. Neben der Arbeit blieb stets Zeit für künstlerisches Schaffen und das intensive Gespräch. Max Kaus resümiert diese Phase später als prägend für ihn, er habe, so berichtet er rückblickend, „in dieser Gesellschaft von Kameraden, die zu Freunden wurden, einen Großteil meines Lebens verbracht, meines künstlerischen sowohl wie eigentlich meines geistigen Lebens“.

Erich Heckel nutzte die Zeit in Flandern für Zeichnungen, Aquarelle und Druckgrafik, viele davon entstanden auf der Rückseite von Fahrplänen und Vordrucken für Dienstpläne, das Holz von Tischen und Vertäfelungen der Warteräume verwendete er als Druckstock für seine Holzschnitte. Max Kaus galt er als Vorbild, war es doch der „immer tätige Heckel“, der „auf alle beispielhaft“ wirkte „in der Ausnützung der Zeit“.

Von ihm wurde Kaus vor allem in die Techniken der Lithografie und des Holschnittes eingeführt. Die übersteigerte Formensprache und expressionistische Kraft, mit denen die „Brücke“-Künstler den Holzschnitt als eigenständiges künstlerisches Medium etabliert hatten, zeigt sich auch bei Kaus, etwa im „Bildnis von Erich Heckel“ von 1917.

Kurz nach dem Ersten Weltkrieg entstehen Selbstporträts der beiden Künstler. Bei dem zehn Jahre jüngeren Max Kaus sieht man deutlich den Einfluss Heckels, passt er doch die Physiognomie seines eigentlich eher runden Gesichtes den spitzkantigen Formen Heckels an. Bei Kaus deutet sich schon hier das Interesse an auffälligen Interieurs an, in die er später seine Figuren setzen wird.

Ein Großteil der Ausstellung verharrt in den Zwanzigerjahren bei den beidseits beliebten Motiven: Badende und Landschaften, daneben Porträts und Figuren. Bei beiden weicht die expressionistische Formensprache einem neuen Realismus: Das Plastische kehrt in die Bilder zurück, Perspektiven werden ausformuliert und nehmen die Flächigkeit des Expressionismus zurück.

Bei Kaus wird die Bildsprache, möglicherweise beeinflusst von der Neuen Sachlichkeit, fast nüchtern, wie die grandiosen Porträts von ihm und seiner Frau Gertrud aus den Jahren 1924 und 1925 zeigen. Freier und dynamischer bewegen sich die beiden Künstler bei der Gestaltung der Landschaft, die mit einfachsten Mitteln, Farben und geschwungener Linie, auf die Leinwand gebracht wird, wunderschön dabei Heckels „Landschaft in Schleswig“ von 1930 und Kaus’ „Kreidebruch auf Rügen“ von 1923.

Nach 1945 müssen beide Künstler neu beginnen. In der deutschen Nachkriegskunst herrschte die Abstraktion vor. Heckel blieb der Gegenständlichkeit weitgehend treu, während Kaus neue Wege beschreitet: Seine Landschaften lösen sich in abstrakten Linien und gewagten neuen Farbkombination auf, auch wenn er sich von der Gegenständlichkeit nie ganz verabschiedet. Dennoch wird eine realistische Bildauffassung von der Abstraktion deutlich untergraben. In dieser Zeit intensiviert Kaus den Kontakt zu Karl Schmidt-Rottluff, der ebenfalls in Berlin lebte und wie er als Professor an der Hochschule der Künste tätig war.

Hier lassen sich einige Parallelen entdecken, sowohl bei Landschaftsbildern als auch bei Blumen-Stillleben. Mit über 60 Werken von Kaus leistet die Ausstellung im Brücke-Museum vor allem eines: die Entdeckung des in Vergessenheit geratenen Künstlers Max Kaus. Seine Arbeiten gelangten hauptsächlich über diverse Schenkungen von Erich Heckel in die Sammlung des Hauses, ein neuerlicher Beweis für die intensive Verbundenheit der beiden Künstler.

Brücke-Museum, Bussardsteig 9, Dahlem. Täglich, außer dienstags, 11-17 Uhr.
Bis 25 Oktober.