Kultur

Graben und Bauen: Im Tunnel mit Zora del Buono

Exaktes Timing: „Gotthard“ ist die perfekte Novelle

Sechs Stunden und 23 Minuten dauert die Handlung dieses Buches, und dann ist ein Mensch auf sehr drastische, wenn auch haarsträubend unwahrscheinliche Weise aus dem Leben geschieden, dann hat eine alte Frau das Geheimnis gelöst, woher ihr Gatte eigentlich all die Hundertfrankennoten hat, die er ihr immer zusteckt, ein jüngerer Tunnelbauer ist als Spanner enttarnt worden, und ein älterer Kollege hat das erste Mal seine Frau betrogen. Und nebenbei wird das Geheimnis eines Jahrzehnte zurückliegenden Mordes gelüftet.

Sechs Stunden und 23 Minuten, und dann hat der Leser zum ersten Mal seit möglicherweise sehr langer Zeit ein großartiges und in jeder Zeile handwerklich perfektes Buch gelesen. Eine Novelle genauer gesagt, denn so nennt die 1962 geborene Zürcherin Zora del Buono ihren „Gotthard“ (144 Seiten, 16,99 Euro), der von mehr als nur einer „unerhörten Begebenheit“ erzählt. Denn was einem Menschen als unerhört vorkommt, das kann sehr Unterschiedliches sein. Manchmal ist es die Liebe, manchmal ein Mord, manchmal der eigene Tod.

Freuden des Trainspotters

Um sechs Uhr in der Früh beginnt dieser Tag auf einem Campingplatz im Tessin, wo der aus Berlin stammende Trainspotter und Statistikfreak Fritz Bergundthal auf der Toilette sitzt und sein Tagespensum durchgeht: Heute hat er es auf den „TEE Rae II Gotthardo“ abgesehen, den er zwischen 10.13 und 10.16 Uhr mit seiner Kamera an einer idealen Stelle erwarten wird. Aber nicht nur im Eisenbahnwesen spielt exaktes Timing die entscheidende Rolle, auch beim Novellenbau kommt es auf detaillierte Planung an.

Del Buono legt ihre Erzählung multiperspektivisch an, jede einzelne Stimme hat sie mit genauer Zeitangabe versehen. Der ideale Leser würde wahrscheinlich mit der Stoppuhr in der Hand die Seiten umschlagen können. Nur wer beginnt schon seine Lektüre mit dem astronomischen Sonnenaufgang?

Del Buono entwirft ein Alpen- und Figurenpanorama rund um eine der eindrucksvollsten Baustellen der Welt: den Gotthard-Basistunnel. Bergundthal – die vermeintlich platte Namensauffälligkeit wird vom Träger selbst erläutert – ist nur auf Urlaub hier und geht seiner Zugleidenschaft nach. Für alle anderen ist der Tunnel Arbeitsplatz und Schicksalsort. Da ist der Bauzugführer Robert Filz, ein Erotomane und Stammgast im lokalen Bordell, der erst durch die Arbeit im Tunnel zum Mann geworden ist. Da ist Oberholzer mit der DDR-Biografie, dem die endlose, heiße Röhre zur Flucht vor seiner im Cottbuser Schrebergartenidyll wartenden Frau dient. Oder Tonino, Ex-Alkoholiker und Mussolini-Verehrer aus Turin, der schon beim vergangenen Gotthard-Durchbruch in den Siebzigerjahren dabei war – ebenso wie das Rentnerehepaar Aldo Polli und Dora Polli-Müller, deren lesbische Tochter Flavia heute als Lkw-Fahrerin demontierte Bohrmaschinenteile herumfährt, während sie sich heimlich nach der brasilianischen Prostituierten Mônica verzehrt.

Es gehört zu den verblüffenden Qualitäten dieses Buchs, dass sein plastisch vor Augen gestelltes Personal und seine Verwicklungen locker für einen dicken Roman ausreichen würden. In „Gotthard“ geht es – sehr exakt und faktenreich – ums Graben und Bauen, aber zugleich auch ums Lieben und Fliehen und Sehnen. Also vor allem um das Alleinsein, wofür die entbehrungsreiche und monotone Arbeit unter kilometerdickem Fels eine starke Metapher ist. Schaffen und Anschaffen: Das Bordell ist der andere Schauplatz, an dem sich die Schicksale kreuzen.