Kultur

Wo Rockerherzen höher schlagen, lauert der Abgrund

Das Künstlerhaus Bethanien zeigt eine Ausstellung zum „Fan-Verhalten und Kunst“

Die Passion der Fans kann kuriose Formen annehmen. Besonders ihre Fixierung auf Pop- und Rockstars treibt die schönsten Blüten. Christoph Tannert rückt dem Phänomen „Passion“ im Schauraum des Künstlerhauses Bethanien in einer breit angelegten Ausstellung lustvoll zu Leibe. An die 80 Künstler wählte der Kurator aus. Sie arrangieren E-Gitarren, bemalen Plattencover, filmen tätowierte Heavy-Metal-Anhänger oder hüpfen zum Rhythmus einer Luftgitarre.

„I can’t get no satisfaction“, lautet ihre Devise. Denn viele bildenden Künstler sind Musikfans oder sogar praktizierende Musiker: Schwarz-Maler Sven Drühl, Daniel Richter und Raymond Pettibon, beide fleißige LP-Cover-Gestalter, oder Florian Süssmayr, dessen Punkkarriere Anfang der 80er-Jahre in München begann. Seine Werke markieren die Marschrichtung. Etwa ein in Öl gemalter „Kassettenrekorder“, der älteren Generation bestens vertraut.

Originellere Beiträge bieten einige Frauen. Sarah Schönfeld arrangiert auf zwei Mikrostativen die Begegnung eines Föns mit einer Champagnerflasche. Die aufwendige Fotoserie „Monuments“ von Candice Breitz beleuchtet hingegen das Spannungsverhältnis von Idol und Fan. Gruppen von Britney-Spears- oder Marilyn-Manson-Anhängern lud sie nach Berlin ein, um sie bei der Vorbereitung für einen inszenierten Fanauftritt mit der Kamera zu begleiten.

Dieser Rollentausch fasziniert und amüsiert. Die Widergänger gleichen ihren Vorbildern aufs Haar. All die Gleichgesinnten von Iron Maiden, Grate­ful Dead oder der Truppe Abba posieren wie ihre Angebeteten in zeittypischen Klamotten. Neben Fotos sind Videos, Malerei, Zeichnungen, Skulpturen und Installationen versammelt. Wild, bunt und punkig geht es zu auf den zwei Etagen im Bethanien, wo Tannert die Arbeiten dicht an dicht verteilt hat: Koen Vermeules Gemälde vom „Disco Devil“, in Holz geschnitzte LP’s oder mit Wachs überzogene Lautsprecherboxen. Miguel Rothschild, der als Teenager in Argentinien lebte, steuert eine politische Installation bei. „Bombardiert bitte nicht Buenos Aires“ (2015) erinnert an die Militärdiktatur, als Bücher, Lieder und alles, was dem Regime nicht passte, zensiert wurden.

Heute sieht die Welt leider vielerorts nicht besser aus. Unter den sich wiederholenden Ansätzen ragen reflektierte Arbeiten wie diese besonders heraus. Vom Gitarren-Larifari unterscheidet sich auch der Blick von Lucas Foletto Celinski wohltuend. Er fotografierte das Grab von Nico. Die Velvet-Underground-Sängerin endete auf dem Selbstmörder-Friedhof im Grunewald, dem Friedhof der Namenlosen, befreit von Popornamenten und Dekorationen der Unterhaltungsindustrie. Wo Rockerherzen höher schlagen, ist auch der Abgrund nicht weit. Das gibt zu denken. Still und eindringlich beschäftigt Sebastian Szary die „Backstage Tristesse“. Allerlei geistige Getränke, geleerte Kaffeetassen auf kleinen Tischen in menschenleeren Räumen, Sofas und zertretene Kippen bilden die Kehrseite der Medaille von Anbetung und Ruhm.

Bethanien, Kottbusser Str. 10. Di–Sa 14–19 Uhr. Bis 9. August.