Kultur

Eine Wunde, die nicht verheilt

Ein Film aus Polen über den Warschauer Aufstand 1944 widmet sich einem großen Trauma des Landes

Mit dem polnischen Spielfilm „Warschau ’44“ und einer anschließenden Doku widmet sich das ZDF am Sonntag einem der schrecklichsten Ereignisse der deutsch-polnischen Geschichte, dem Warschauer Aufstand von 1944. Bis heute ist dieses historische Ereignis für unsere polnischen Nachbarn ein nationales Trauma geblieben. Denn die Zuversicht der Warschauer war groß in diesem Sommer 1944; endlich zeichnete sich die große Wende im Krieg ab. Die Wehrmacht war überall auf dem Rückzug, die Rote Armee stand schon vor den Toren der Stadt. Jetzt schien die Chance, die verhassten Deutschen aus dem seit 1939 besetzten Warschau zu werfen. Längst bereitete die im Untergrund agierende Armia Krajowa, die polnische Heimatarmee, einen bewaffneten Aufstand vor. Vor allem junge Leute waren bereit, sich am Kampf zu beteiligen. Anders als beim verzweifelten Aufstand im Getto, den die deutschen Truppen noch im Jahr zuvor blutig niedergeschlagen hatten, schien sich diesmal eine reale Chance zu eröffnen.

Als der Warschauer Aufstand am 1. August begann, konnte die Heimat­armee schon bald Erfolge erringen. Sie besetzte strategisch wichtige Plätze, befreite KZ-Häftlinge und brachte die Hälfte des links der Weichsel gelegenen Stadtgebiets unter Kontrolle. Es gelang den Aufständischen aber nicht, die Weichselbrücken und die beiden Flughäfen zu erobern. Während die Deutschen immer mehr in die Offensive gingen, kam keine Unterstützung von der Roten Armee. Stalins Truppen sahen einfach zu, wie die Deutschen mit den Polen abrechneten und sich Warschau in eine einzige Trümmerwüste verwandelte. Als der Aufstand am 3. Oktober 1944 endgültig niedergeschlagen war, hatte er mehr als 200.000 Opfer unter der Zivilbevölkerung gefordert.

Während dieses dunkle Kapitel der Geschichte in Polen das Selbstverständnis und die Identität der Menschen bis heute prägt, sind die Fakten in Deutschland nur wenig bekannt. „Deshalb möchte das ZDF mit der Ausstrahlung des Spielfilms und der Doku auch ein Zeichen der Erinnerung und des gegenseitigen Verstehens setzen“, sagt Programmdirektor Norbert Himmler.

Wie beim ZDF-Dreiteiler „Unsere Müt­ter, unsere Väter“, der 2013 auch in Polen ausgestrahlt wurde und dort eine heftige Kontroverse über die Darstellung der Kriegsereignisse nach sich zog, erzählt auch „Warschau ’44“ das Kriegsgeschehen aus der Perspektive junger Menschen. Im Mittelpunkt der aufwendigen Kinoproduktion von Jan Komasa steht der Jugendliche Stefan (Józef Pawlowski). Der schließt sich mit seinen Freunden Kama (Anna Próchniak) und Ala (Zofia Wichlacz) dem ­Widerstand an und erlebt das zunächst als großes Abenteuer. Doch schon bald wird daraus blutiger Ernst, den der Film überaus drastisch umsetzt. So gibt es Slow-Motion-Szenen eines Gemetzels, unterlegt mit einem Hit der polnischen Popikone Czeslaw Niemen. Es regnet Blut, Leichenteile fliegen durch die Luft. Manche dieser Szenen sind kaum zu ertragen. Dabei kultiviert der Film keinen ­Heroismus, sondern zeigt allein die Grausamkeit des Geschehens.

Dass es in dem Film nicht allein um Deutsche und Polen, sondern auch um das bis heute gestörte Verhältnis zu Russland geht, wird ebenfalls deutlich. Zu Beginn des Aufstandes sagt ein Offizier der Heimatarmee über die Rote Armee: „Sie sind als Verbündete unserer Verbündeten mit gebotener Distanz zu behandeln.“ Später heißt es dann: „Die Russen haben ihren Angriff abgebrochen und warten, bis wir verreckt sind.“

Warschau ‘44 ZDF, So 22 Uhr,
Doku im Anschluss um 23.55 Uhr