Städtebau

Akadamie-Mitglied Wilfried Wang: „Berlin entzieht sich seiner Verantwortung“

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Matthias Wulff
Wilfried Wang ist stellvertretender Direktor der Sektion Baukunst in der Akademie der Künste

Wilfried Wang ist stellvertretender Direktor der Sektion Baukunst in der Akademie der Künste

Foto: Reto Klar

Das Museum der Moderne soll nach Willen der Politik schnell stehen. Architekt Wilfried Wang wünscht sich mehr Ehrgeiz von der Stadt

Seit 2000 hat Wilfried Wang sein Büro in Berlin. Zusammen mit Barbara Hoidn arbeitet der Architekt in der Pariser Straße. Er ist stellvertretender Direktor der Sektion Baukunst in der Akademie der Künste Berlin und von daher gut vertraut mit den Kulturforum, der unwirkliche Ort in der Mitte der Stadt. Ob dieser nun allein mit einem Museum der Moderne, so wie es Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und auch das Land Berlin anstreben, ansehnlicher wird, bezweifelt Wilfried Wang.

Berliner Morgenpost: Herr Wang, vergangene Woche hat der Haushaltsausschuss des Bundestages bekanntgegeben, dass das Museum der Moderne nun an der Potsdamer Straße gebaut werden soll. Vorgesehen war, dass der Standort an der Sigismundstraße mitberücksichtigt wird.

Wilfried Wang: Diese Entscheidung hat mich auch überrascht. In den verschiedenen Gesprächen mit Stadt und Bund wurde eigentlich eine klare Richtung vorgegeben, nämlich, dass zwei Standorte untersucht werden sollten.

Und nun?

Es fehlt nun eigentlich die Grundlage für einen städtebaulichen Ideenwettbewerb, wenn keine Varianten mehr untersucht werden sollen. Dem Auslober wird es nun nicht mehr möglich sein, städtebauliche Rückschlüsse zu ziehen, die dann im Realisierungswettbewerb umgesetzt werden könnten.

Mit welchen Folgen?

Wir verbauen uns die Möglichkeit des Erkenntnisgewinnes. Was machen wir, wenn wir feststellen, dass an der Potsdamer Straße nicht die geforderten 24.000 qm untergebracht werden können, weil eine derartig große Kubatur städtebaulich unverträglich ist? In die Höhe können wir nicht gehen; das erschlägt die Nationalgalerie. Viele erwarten ja auch den Erhalt der Sichtbeziehung zwischen Philharmonie und Nationalgalerie.

Welche Chance hat Berlin nicht genutzt?

Der Auslober vergibt damit die Chance, dass das Programm beispielsweise aufgeteilt wird. Mit zwei Grundstücken hätten ja auch Teile in der Sigismundstraße und Teile in der Potsdamer Straße geplant werden können. Mit zwei neuen Bauten hätten wir das Kulturforum als Ganzes begreifen und ihm ine neue Fassung geben können.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz wollen, dass das Museum der Moderne möglichst schnell errichtet wird. Der Platz an sich ist ihnen nicht so wichtig.

Das ist kurzfristig und politisch gedacht. Der Auslober sollte sich stattdessen fragen: Wie dient man dem Kulturforum und der Öffentlichkeit insgesamt? Wie kann hier endlich Urbanität entstehen. Da reicht ein Museum allein nicht.

Das Publikum wird das Museum der Moderne ja schon besuchen, aber schnell den Platz wieder verlassen. So wie bei der Philharmonie und der Nationalgalerie.

Am Kulturforum arbeiten Museumsdirektoren, die interessiert alles, was bis zu ihrer Haustür passiert. Das Kulturforum besteht aus großen, introvertierten Bauten mit wenigen Eingängen. Wo aber ist das Forum? Was müsste dieser Ort haben, um attraktiver zu werden? Er müsste Restaurants, Cafés, Geschäfte haben, meinetwegen auch zusätzliche kulturelle Angebote, letztere aber nicht auf Erdgeschossebene. Was auf dieser Ebene passieren muss, ist eine Urbanisierung der Angebote, das heißt, dass man sich dort länger als zwölf Stunden aufhalten kann wenn man will und der Kaffee nicht fünf Euro kostet. Das Kulturforum muss zu einem Ort werden, wo die normalen Bürger nicht nur hingehen können, sondern auch hingehen möchten.

Lässt sich denn überhaupt ein Museum bauen zwischen den Ikonen von Ludwig Mies van der Rohe und Hans Scharoun?

Meine Büropartnerin, Barbara Hoidn, und ich haben unseren Studenten im vergangenen Semester diese Aufgabe gestellt. Meine Erkenntnis aus ihren Arbeiten ist, dass eine autonome Lösung, die sich aus einer eigenen Idee entwickelt und die eine eigenständige Sprache spricht, durchaus auch in der Lage ist, sich mit der Umgebung zu verbinden. Sowohl-als-auch ist die Lösung, wir nennen das autonome Kontextualität. Es gibt ganz wenige Beispiele dafür in der Architektur, aber es gibt sie.

Hoffnung verbreiten Sie nicht gerade.

Ich kann es auch schärfer formulieren: Die meisten braven Architekten aus dem deutschsprachigen Raum, mit ihrer Vorliebe zur rationalen Rasterarchitektur, werden hier scheitern. Natürlich könnte hier ein rechteckiges Objekt mit einer regelmäßigen Fassadenstruktur hingestellt werden. Aber eigentlich kann und will man es sich nicht vorstellen. Der Ort braucht einen skulpturalen Baukörper, der sowohl eine Eigenständigkeit hat und auch über ein Einfühlungsvermögen verfügt, um sich in den Kontext einzubinden.

Meine Befürchtung ist, dass dort ein Museum hinkommt, das sich versteckt.

Ein selbstbewusster Museumsbau ist schwierig, aber möglich. Die unerschrocken junge Architekten können das. Natürlich kommt man nicht sofort auf die Lösung.

Was kommen wird, ist eine Diskussion über die Kosten.

Diese Diskussion gibt es immer. Aber hier haben die Haushälter dem Vorhaben ausreichende Mittel zugesagt. Die Architektur darf nicht mit dem Blick auf den Rechnungshof ausgewählt werden. Sollte ein Dienstleister wie die ÖPP Deutschland AG in der Jury vertreten sein– ein Unternehmen das sich durch die kostengünstige Errichtung von Bürogebäuden einen Ruf gemacht hat – dann befürchte ich, dass wir am Kulturforum keinen großen Wurf sehen werden.

Das Land Berlin sagt immer, wir würden ja gern mehr machen am Kulturforum, aber nur leider haben wir kein Geld.

Das Land Berlin entzieht sich aufgrund interner Zerwürfnisse seiner eigentlich notwendigen Verantwortung. Diese liegt doch in der städtebaulichen Gesamtordnung. Es kann doch nicht darum hier schnell eine Kiste abzustellen, in der Kunst gezeigt werden kann, sondern es muss hier eine gesamtkulturelle Höchstleistung geboten werden.

Es fehlt also an Ehrgeiz.

Senatsbaudirektorin Regula Lüscher ist die vielen, scheinbar endlosen Diskussionen über das Kulturforum leid und sie ist der Meinung, dass ein weiterer städtebaulicher Wettbewerb keinen Sinn macht. Ich bin absolut nicht ihrer Meinung, weil wir jetzt mit dieser konkreten Bauaufgabe eine völlig neue Ausgangslage haben.

Die Stadtentwicklung sagt nicht mal mehr, was sie will. Es ist ihr egal geworden.

Berlin und seine Verwaltung haben sich in der Zeit des Kaputtsparens angewöhnt, keine Wünsche mehr zu äußern. Aber nun hat das Land wieder Geld hat. Für die Landeszentralbibliothek in Tempelhof wurden ja auch Mittel frei gemacht. Vielleicht kehrt der städtebauliche Ehrgeiz eines Tages in die Köpfe der Berliner Politik und Verwaltung zurück.