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Recherche unter Granatenbeschuss

Ein Leben zwischen Tel Aviv und Berlin: Mirna Funk über ihren Debütroman „Winternähe“

Mirna Funk, 34, ist Journalistin. Sie schreibt unter anderem für den „Freitag“ und das „Interview“-Magazin. Sie ist im fünften Monat schwanger, was man kaum sieht. Ihr Verlobter ist noch in Tel Aviv und kommt nächste Woche nach Deutschland. Sie werden bis zur Geburt hierbleiben, vielleicht noch diesen Sommer heiraten, dann geht es zurück nach Israel. Zierlich, mit festem Blick und sympathischem Lachen sitzt sie mit einem Kaffeebecher auf der Parkbank in Mitte und spricht über ihren Debütroman „Winternähe“.

Berliner Morgenpost: Ihr Roman umfasst drei Teile: Der Berlin-Teil behandelt den modernen Antisemitismus, der Tel-Aviv-Teil den Nahost-Konflikt, der Bangkok-Teil das Thema Identitätsfindung. Ziemlich schwere Kost für ein Debüt.

Mirna Funk: Ich würde es „wichtige Kost“ nennen. Mir ging es darum, einen Roman zu schreiben, in dem die Protagonisten stellvertretend für gesellschaftliche Phänomene stehen. So wie Shlomo zum Beispiel.

Gut, beginnen wir damit: Shlomo ist ein israelischer Soldat, in den sich ihre Protagonistin Lola in Berlin verliebt und den sie im Sommer 2014 in Tel Aviv wiedertrifft, mitten im Gaza-Krieg. Sie selbst haben vergangenen Sommer in Tel Aviv gelebt und dort geschrieben. Wie ergab sich das?

Ich habe den Roman im letzten März in Thailand begonnen und merkte schnell, dass ich für den Tel-Aviv-Teil nach Israel gehen muss. Ich fahre seit 1991 regelmäßig dorthin, weil ein Teil meiner Familie dort lebt. Kein Großvater, wie bei Lola, aber Cousinen, Cousins, Onkel, Tanten. Ich wollte drei Monate bleiben und buchte im April den Flug. Damals konnte man noch keinen Krieg erahnen.

Lola kommt in einer Identitätskrise auf der Suche nach ihren jüdischen Wurzeln nach Tel Aviv. Die ersten Tage der Raketenangriffe verschläft sie.

Lola fliegt viel früher nach Tel Aviv, nämlich kurz nach der Entführung der drei Jungen. Da hatte der Krieg noch nicht begonnen. Ich landete am 15. Juli. Und fünf Minuten nach meiner Ankunft in meiner gemieteten Wohnung in Tel Aviv ging der Raketenalarm los. Ich bin sofort auf den Balkon gerannt und habe mir das Spektakel am Himmel angesehen.

Im Gaza-Krieg wurde die Abwehrtechnik „Iron Dome“ eingesetzt, mit der Israel seit 2011 Hamas-Raketen in der Luft zerstören kann. Fühlten Sie sich dadurch sicherer?

Man fühlt sich sicher. Ich habe den Vorgang viele Male über meinem Balkon sehen können. Sie explodieren in der Luft, es entsteht ein sehr lauter Knall und danach das, was man immer als Boom bezeichnet. Das klingt wie ein Donner. Der Boom ist quasi die Entwarnung. Aber diese ganzen drei Minuten, immer wieder dasselbe, mehrmals am Tag, das habe ich einfach unterschätzt.

Lola und auch Shlomo lernen sich kennen, verlieben sich, verbringen viel Zeit mit Freunden. Leben Israelis bewusster im Angesicht des Todes?

Bis zum ersten Waffenstillstand, vier Wochen nach Kriegsbeginn, waren die Straßen und Clubs menschenleer. Aber danach veränderte sich etwas. Der Krieg hatte keine Bedeutung mehr, als er wieder losging. Man ist am Strand liegen geblieben, wenn der Alarm losging. Der Mensch schafft es nicht, so schnell umzuschalten. Frieden. Krieg. Waffenruhe. Krieg. Waffenruhe. Krieg. Da kommt man emotional nicht hinterher.

Lola, die wie Sie gebürtige Berlinerin ist, verfolgt von Israel aus, was ihre Berliner Freunde dazu bei Facebook posten. Vergangenen Sommer tobte im Internet nicht nur die „Ice Bucket Challenge“, sondern auch der digitale Gaza-Krieg. Wie haben Sie das empfunden?

Das war ein Grund, wieso ich geblieben und nicht nach den drei Monaten zurück nach Deutschland gegangen bin. Das hat mich verändert. Der Krieg, aber auch die Reaktionen darauf. Damals hatte ich noch keinen Verlag für meinen Roman und dachte, wenn ich den nicht verkauft kriege, ist es kein Weltuntergang, dann gehe ich nach Afrika und helfe Kindern oder arbeite mit Elefanten. Ich wusste, ich kann nie wieder hierhin zurückkehren und so weiterleben wie zuvor.

Der Roman will auch auf die aktuelle Judenfeindlichkeit aufmerksam machen.

Antisemitismus fängt bei ganz kleinen Sachen an, nicht erst bei Äußerungen wie „Juden ins Gas“. Wer glaubt, die Juden hätten die Fäden in der Hand, ist Antisemit. Wer findet, ich hätte eine jüdische Hakennase, auch. Auch wenn ein großer Teil des Romans fiktiv ist, die antisemitischen Übergriffe sind mir alle genau so passiert.

Sie wollen es wie Lola Alijah machen, also nach Israel einwandern und israelische Staatsbürgerin werden.

Der Grund meiner Auswanderung ist sicher auch ein zionistischer. Ich möchte einen Staat unterstützen, in den alle Juden gehen können, falls es Schwierigkeiten gibt. Diesen Sommer werden ­alleine 3000 Juden aus Frankreich einwandern, weil sie vor dem Antisemitismus in ihrem Land fliehen.

In Deutschland wandern jährlich durchschnittlich nur etwa 130 Juden aus. Behalten Sie Ihre deutsche Staatsbürgerschaft?

Ja, ich bin ja nicht verrückt(lacht). Ich behalte auch meine Wohnung im Prenzlauer Berg. Ich bin Ost-Berlinerin, das hier ist ja trotzdem meine Heimat. Die Kombination aus beiden Städten tut mir gut.

Sie haben bereits vergangenen Dezember im „Zeit Magazin“ verkündet, dass Sie auswandern wollen. Wie waren die Reaktionen darauf?

Ich habe wahnsinnig viele Leserbriefe, sogar richtige postalische Briefe, bekommen. Das war eine wirklich schöne Erfahrung, und 80 bis 90 Prozent der Zuschriften waren wahnsinnig süß. „Geh nicht!“, „Du hast recht“, „Vielen Dank“. Und auch: „Ich bin noch nie in meinem Leben einem Juden begegnet. Ich kenne gar keine Juden, ich würde mich so freuen, wenn wir mal Kaffee trinken können.“ Das war nicht komisch, sondern irgendwie rührend, wie ein Phantasma. In Großstädten wie Berlin, München, Frankfurt sind jüdische Mitbürger natürlich nichts Besonderes, aber wenn du in Castrop-Rauxel oder in einem anderen deutschen Dorf aufwächst, triffst du wahrscheinlich wirklich dein Leben lang keinen Juden.

Die Suche nach jüdischen Wurzeln spielt eine zentrale Rolle im Roman.

Es ging mir um die Verdeutlichung eines bestimmten Geschichtsbegriffs. Die Geschichte ist nie abgeschlossen, sondern die Gegenwart und die Zukunft sind nichts als eine lang gezogene Vergangenheit. In Israel müssen alle Kinder einen Stammbaum ihrer Familie anfertigen. Damit meine ich keinen genetischen Stammbaum, sondern einen historischen. In Deutschland kennt man die Waffen-SS- oder Widerstandskämpfer-Vergangenheit seiner Vorfahren nicht. Es wäre für eine gesunde Aufarbeitung wichtig, das Private politisch zu machen. Dass man nachfragt, was die Großeltern und Urgroßeltern gemacht haben. So wird Geschichte doch erst wirklich lebendig.

Shlomo erschießt als israelischer Soldat einen palästinensischen Jungen. Lola erfährt im Laufe der Geschichte, dass ihre Großmutter in Dachau war.

Ich wollte zeigen, dass ganz kleine Augenblicke in der Geschichte unserer Vorfahren, aber auch eines Staates, unser Leben für immer verändern können. Die Großeltern meines Verlobten haben sich in Buchenwald kennen ­gelernt. Seine Großmutter wog bei der Befreiung 28 Kilogramm, sie war damals ungefähr 18 Jahre alt. Beide hatten ihre gesamte Familie verloren und heirateten innerhalb von wenigen Tagen durch einen Rabbiner. Ein Jahr später wurde in einem Camp für Displaced People die Tante meines Verlobten geboren. Sie lebt heute noch, ist topfit und lebendige Geschichte. Die Menschen vergessen oft, dass der Holocaust kein Menschenleben her ist.

Lola ringt den ganzen Roman über sehr damit, ob und wie jüdisch sie sich fühlt oder fühlen darf. Ihr Vater ist Jude, ihre Mutter nicht.

Genauso wie bei mir. Für mich war das lange Zeit eine wahnsinnig nervige Situation. Die eigene Identität wird ständig durch andere definiert. Mein Verlobter hat mich immer als Jüdin gesehen, das war gar keine Diskussion, ob es halachisch, also nach dem Regel- und Gesetzbuch richtig ist.