Kunst

Ein Fund aus der Gründerzeit

Im Bode-Museum sind 100 Meisterwerke aus der Sammlung Marks-Thomée zu entdecken

Seit einigen Jahren ist es so, dass Privatsammler mit ihren Kollektionen sehr selbstbewusst an die Öffentlichkeit gehen. Manche veredeln ihre Werke gleich mit eigenen Häusern wie Christian Boros, andere binden ihre Sammlung an Museen an wie Erich Marx oder Friedrich Christian Flick. Von der Sammlung Marks-Thomée allerdings hatte man bislang nichts gesehen und gehört.

Mit dieser Sammlung hat Werner Marks nun erstmals unter dem knappen Titel „Sammlerglück“ seinen musealen Auftritt, im März stellte er in Aachen aus, nun im Bode-Museum. Doch schon könnte er sich eine Zukunft in einem Museum vorstellen. „Mal sehen, was kommt“. Bei ihm geht es um Tradition, um die Familiensammlung seines Großvaters Fritz Thomée (1862-1944). 900 Kunstwerke gehörten ursprünglich in dessen Besitz, allerdings gibt es drei Erben. Und wie das so ist, ziehen Erben nicht unbedingt an einem Strang. Also müht sich Werner Marks, der ein Drittel bekam, seit Jahren, Opas liebevoll bestückte Kollektion wieder zurückzukaufen von der Verwandtschaft. Bei 150 Werken ist ihm das gelungen, 500 Werke zählen heute zu seinem Besitz. „Ich lebe damit“, erzählt er, irgendwo in der Nähe von Köln. Mehr will der 63-Jährige nicht dazu sagen, verständlich, die Versicherung.

Ein Kreis schließt sich

Opas Sammlung ist eine der letzten großbürgerlichen Gründerzeitsammlungen, die den Krieg überlebt haben, allerdings nicht in Berlin, sondern in der Burgstadt Altena, wo der Großvater einst Landrat war. Seine Eltern waren betucht, die seiner Frau auch, daher kam das Geld.

„Ein Wunder“, sagt Marks. US-Offiziere hatten damals das väterliche Haus besetzt, Marks Mutter vermauerte die Bilder und Skulpturen kurzerhand im Keller. Die Amerikaner hätten das Untergeschoss nie betreten, das weiß er von seiner Mutter. Ansonsten wäre die Sache wahrscheinlich auch anders ausgegangen. Übrigens wurde die Kollektion bereits 1930 in einem Bestandskatalog publiziert. Die Fotos fertigte damals das Bildarchiv Marburg an, das zur Philipps-Universität gehörende deutsche Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte.

Nun ist eine Auswahl mit 100 Bildern, Skulpturen und kunsthandwerklichen Gegenständen auf der Museumsinsel zu sehen, dort, wo sie fabelhaft hineinpasst. Hier schließt sich ein Kreis: Fritz Thomée, ein weltoffener Mann, sammelte quasi unter Berliner Anleitung, hielt Kontakt zum Generaldirektor Wilhelm von Bode, holte Expertisen bei ihm ein und besuchte Berliner Museen, sie waren sein Vorbild. Gleichzeitig erinnert diese Ausstellung auch wehmütig daran, dass Berlin einmal eine Stadt der großen, alten Privatsammlungen war, „nichts ist erhalten, mit Ausnahme von Objekten von James Simon“, erzählt Direktor Bernd Lindemann.

Bode war es, der Fritz Thomée damals schon zu einer Art „Globalisierung“ der Kunst riet. Er solle sich nicht beschränken auf spätmittelalterliche Kunst Westfalens, des Rheinlandes und der Niederlande, sondern auch europäische Kunst erwerben. So ist Thomées Sammlung also ein „Echo“ (Lindemann) auf Bodes damals revolutionäre Konzeption, das vorsah, Gemälde, Skulpturen und Kunsthandwerk unter einem Dach gattungsübergreifend zu versammeln. Ein Thema, dass unlängst beim Streit um die Museumsrochade der Gemäldegalerie auf die Museumsinsel wieder aktuell wurde.

Kern der Sammlung Marks-Thomée sind Skulpturen und Gemälde aus dem späten Mittelalter und der Renaissance. Aber der Herr Landrat erwarb auch antike Objekte wie einen prachtvollen bronzenen Cäsaren-Kopf oder eine wunderschöne Hostienbüchse mit reichem malerischen Innenleben aus dem französischen Limoges. Werner Marks hat lange in Frankreich recherchiert, um Details dieser Dose zu erfahren. Der Diplomkaufmann hat übrigens über seinen Großvater promoviert – in Kunstgeschichte, das ergab sich wohl zwangsläufig bei all seinen Studien. Ohnehin ist er ja auch mit vielen Werken aufgewachsen. Viel erzählen, das kann er.

Im Bode-Museum hat man versucht, die Atmosphäre und den Geist der Villa Thomée wiederzubeleben, indem man mit großen Fotomontagen Raumansichten rekonstruierte. Sie zeigen, wie und wo eben Kunst hing und stand, eigentlich überall, im Flur, Wohnzimmer, sogar im großzügigen Treppenaufgang sieht man die Petersburger Hängung, und ja, all die farbig angesetzten Wandnischen, in denen die einzelne Objekte eingestellt waren.

Heute wirkt das nur noch vollgestopft, damals entsprach es dem Stil. Irgendwo, hoch oben über den Köpfen der Besucher schwebt ein etwas gestutztes, geschnitztes Leuchterweibchen aus Lindenholz. Die Figur von 1570 gehörte ursprünglich zu einem Leuchter, am Rücken war ein Hirschgeweih mit Kerzenhaltern angebracht.

Vom Nikotin befreit

Und mittendrin zwischen all diesen Bildern und Heiligenfiguren und Schmuckschatullen thront der gestrenge Landrat Fritz Thomée und liest Zeitung. Er hat dabei viel geraucht, jedenfalls musste sein Enkel viele der Gemälde erst einmal entnikotinisieren, dass heißt, die graue Patina, die sich über die Leinwand gelegt hatte, wurde entfernt. Am Besten ist es, der Besucher fühlt sich ein in das Ambiente und lässt sich einfach durch die Schau treiben, schaut die Wände hoch und runter, hinein in all die Nischen und Vitrinen, dann wird er auf die „Geburt Christi mit Stifterin“ stoßen, die Rogier van der Weyden und seiner Werkstatt zugeschrieben ist. Und auf eine weitere „Geburt Christi“ aus der Werkstatt von Lucas Cranach d.Ä., ein dunkles Porträt auf Goldgrund von einem bärtigen Mann, das der Dürer-Zeitgenosse Wolfgang Beurer malte. Das Relief „Tod Mariens“ aus der Werkstatt Tilman Riemenschneiders ist eines der teuersten Exponate der Sammlung. Thomée kaufte es 1916 in Eisenach. Ist es vom Meister selbst oder einem Gesellen? Werner Marks weiß, dass die Forschung es kontrovers diskutiert. Aber auch das gehört zum Sammlerglück.

Bode-Museum, Am Kupfergraben, Mitte. Di-Fr 10-18 Uhr, Do bis 20 Uhr, Sa/So 11-18 Uhr. Bis 18. Oktober.