Kultur

Schöner morden mit Agatha Christie

Die Sommer verbrachte sie im Greenway House. Ein Besuch auf dem Anwesen in Devon

Eigentlich hätten wir eben aussteigen müssen. In Churston, was in South Devon liegt, einen Steinwurf vom Meer, hoch überm River Dart. Wir sind von Paignton gekommen. Einigermaßen stilgerecht. Die Lokomotive der Dartmouth Steam Railway hat uns hergeschnauft. Sie ist nicht mehr die Jüngste. Hercules heißt sie immerhin.

Um Buchten sind wir schlurfend gekurvt, an weißen Badehäuschen mit bunten Türen und an leeren Stränden vorbei, über einen von Brunel gebauten Aquädukt. Unser Waggon heißt Rebecca, das passt wenigstens annähernd, einen, der Miss Marple heißt, haben wir nicht gefunden. Es gab noch Lady Chatterley, das war uns zu wenig kriminell.

Jedenfalls sind wir jetzt eigentlich zu weit gefahren. Hercule Poirot ist damals in Churston aus dem Waggon geklettert, seinem Zwirbelbart hinterher. Ein livrierter Butler hat unter Ächzen sein Gepäck in die Humber-Pullman-Limousine gehoben, und dann sind sie nach Nasse House gefahren.

Aber das war im Film. Vor zwei Jahren, als David Suchet in „Dead Man’s Folly“ ein letztes Mal als exilbelgisches Superhirn für die seit 1989 entstandene Serie einen Mord aufklärte. Wir aber wollen die Villa sehen, wie Agatha Christie, diese literarische Hochheilige von Devon, sie als Kind zum ersten Mal sah.

Villa mit vielen Namen

Ihr gehörte sie seit 1938, hier hat sie zwanzig Jahre lang die Sommermonate verbracht und später – nachdem sie die Villa ihrer Tochter überschrieben hatte – noch Familienfeste gefeiert. Zum ersten Mal gesehen hat sie Greenway House vom Wasser aus.

Eine Warnung gleich vorweg, nur für den Fall, dass wir vor lauter Verzauberung gleich irgendwas durcheinanderbringen. Die Villa hat viele Namen. Keinen Ort, nicht mal Torquay, ihre Heimatstadt, die sich irgendwo hinter uns über die Küste der britischen Riviera schachtelt, hat Agatha Christie derart häufig in ihre Kriminalromane eingearbeitet wie Greenway House.

In „Dead Man’s Folly“ firmiert es als Nasse House, im „Unvollendeten Bildnis“ als Alderbury House. Und in „Das Geheimnis von Greenshore Garden“, der gerade erstmals erschienen Basisnovelle für „Dead Man’s Folly“, eben als Greenshore House.

Der Fluss ist breit. Die Häuser von Dartmouth sind bunt. Wir fahren flussaufwärts. Die Schafe an den steilen Hügeln muss jemand mit Klettverschlüssen angebracht haben. Es ist Ebbe. Der Fluss ist eigentlich kaum noch ein Fluss. Fünf Meter Tidenhub soll er haben. Ein Bootshaus treibt am Ufer vorbei. Düster sieht es aus, graubraun und ein bisschen miesepetrig guckt es übers Wasser. Es ist nicht nur ziemlich alt, es ist auch der Schauplatz eines jener Morde in „Dead Man’s Folly“, auf deren Spuren wir uns heute begeben wollen.

Etliche Meter buntverwachsenen Dschungels, darüber schaut Greenway durch die Bäume. Zum Sterben schön. Zu einem Spottpreis hatte Agatha Christie die georgianische Villa samt ihrer sechs Acres (umgerechnet gut 15 Hektar) Gartenlandschaft gekauft – für 6000 Pfund, umgerechnet auf heutige Verhältnisse wären das gut 200.000 Pfund (heute ist die Villa auch ohne die Agatha-Histoire höchstens für Oligarchen bezahlbar). Die Sommer gehörten Greenway. Das Jahr verbrachte Agatha Christie in Winterbrook House in Oxfordshire, einem Queen-Anne-Haus, das im Vergleich zur selbstbewussten Schönheit, zur luftigen Durchlässigkeit von Greenway beinahe einen verdrucksten Eindruck macht.

„Ich saß“, schreibt sie 1942 immer noch staunend, „auf der Bank mit Blick auf das Haus am Fluss. Es sah sehr weiß und reizend aus – fern und distanziert wie immer – und wie immer versetzte mir seine Schönheit einen Stich. Es ist zu schön, um uns zu gehören, aber wie aufregend wäre es, dieses Haus zu besitzen! Als ich heute Abend auf der Bank saß, dachte ich, dass es der wunderschönste Ort auf der Welt ist – es hat mir den Atem geraubt“.

Greenway war eine Art Nachhause-kommen für Agatha Christie, der steingewordene Kindheitstraum. Eine bewohnbare Fantasie. Ashfield hatte die Villa geheißen, in der sie aufgewachsen war, in Torquay, inmitten eines Parks, umgeben von Blumen und altem Baumbestand. Greenway übertraf die Träume noch. Mit dem jungen Architekten Guilford Bell ließ sie das um 1730 errichtete Gebäude von allem Anbauplunder der Jahrhunderte befreien, gab ihm seine grandiosen Proportionen zurück.

Als Tourist kommt man von der Gartentür her auf Greenway zu. Seltsamerweise sieht man überall Miss Marples herumlaufen, die im fabelhaften Agatha-Touristenshop Bücher und teilweise gefährlich aussehende Pflanzen kaufen und von den Sonnenliegen auf dem Plateau vor Greenway aus hinunter auf den Dart schauen.

Post liegt auf dem Tisch

Drinnen hat man alles so arrangiert, als seien die Hicks’, Agathas Tochter Rosalind und ihr Mann Anthony, denen die Mutter Greenway 1959 überschrieb und die von 1976 bis zu ihrem Tod darin wohnten, nur mal gerade im nächsten Gartencenter Rasendünger kaufen gegangen. Post liegt auf dem Tisch der Inner Hall.

Anno 2000 hatten die Hicks’ Greenway an den National Trust überschrieben. Fünfzehn Jahre und gut sieben Millionen Pfund später sind Gebäude und Garten so, wie sich die mit gut zwei Milliarden verkaufter Bücher wohl auf ewig auflagenstärkste Schriftstellerin der Welt das Haus ihrer Träume immer gewünscht hat. Das Steinway Boudoir Grand Piano steht da, auf dem Agatha gern, aber scheu spielte. An der Wand hängt das schreckliche Öldings, auf dem die vierjährige Agatha Mary Clarissa Miller zu sehen ist, wie sie total gelangweilt mit ihrer mörderisch dreinblickenden Puppe Rosie beinahe vom Chintz-Sessel rutscht. Die Regale, die Verliese, die Schränke sind voll von manchmal eher absurdem Sammelgut mehrerer Generationen des Mallowan-Christie-Miller-Clans.

Vom plüschigen Schlafzimmer aus geht der Blick auf den Dart. Poirots Film-Bett steht da. Und Agathas Remington. Jetzt wollen wir schnell raus zu den Tatorten.