Kultur

Und nun ein kurzer Rückblick auf die letzten fünf Millionen Jahre

Stiftungspräsident Hermann Parzinger erzählt bei den Lesetagen in Frohnau, was unsere Vorfahren so gemacht haben

So ein Buch, erzählt Hermann Parzinger, konnte er nur schreiben, weil er nicht mehr in der Forschung sei. Das ist insofern überraschend, weil der habilitierte Prähistoriker als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit seiner kaum noch zu überschauenden Anzahl von Museen, die er verantwortet, ganz gut beschäftigt ist, und man sich fragt, wann genau er wohl dieses 700-Seiten-Buch geschrieben haben mochte, das er im vergangenen Herbst vorlegte. „Die Kinder des Prometheus“ heißt es, der bescheidene Untertitel lautet „Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift“.

Das sind ja lediglich ein paar Millionen Jahre. Über die könne er nur deshalb so komprimiert schreiben, führt er weiter aus, weil er eben nicht mehr Angst haben müsse – so wie es unter Forschern offenbar üblich ist –, dass er „einen Armreifen übersehen“ haben könnte.

Eine gute halbe Stunde dauert sein Vortrag, den er komplett frei und vor gut hundert Zuschauern im Centre Bagatelle hält. Sie sind Teil der „Reinickendorfer Sprach- und Lesetage“, die noch bis zum Sonnabend gehen. Das Centre Bagatelle passt gut zu Frohnau, das ja stets grüner, friedlicher, ländlicher erscheint als der Rest der Stadt. Es ist in einer klassizistischen Villa, gebaut wurde sie 1925, lange war sie nach dem Krieg in Besitz der Franzosen, bevor sie der Bezirk übernommen hat. Unterhält man sich mit den Damen, die 2005 das Haus übernahmen, erfährt man, wie der Bezirk zuvor jahrelang das Haus vernachlässigt hatte.

Gut gegangen ist es dann doch, sonst würde man nicht hier sitzen bei den „Frohnauer Diskursen“. Miteinander geredet werden soll nach der Pause, so zumindest der Plan. Michael Kleeberg gesellt sich zu Hermann Parzinger. Er ist Schriftsteller aus Reinickendorf und verspielt seinen Heimbonus mit imponierender Geschwindigkeit. Statt Parzinger zu befragen, hat er eine beängstigende Anzahl von Seiten auf seinem Schoß, aus denen er vorliest. Die aufkommende Unruhe im Saal wird zwar kurzfristig unterbunden („Halt den Mund, Sigrid“), aber Michael Kleeberg entscheidet sich dann doch, rasch irgendeine Frage zu stellen.

Was genau Kleeberg an diesem Abend fragt, haben wir leider nicht verstanden, aber Hermann Parzinger hat sich in den Jahren als Stiftungspräsident die Gabe angeeignet, gelehrte und interessante Antworten zu geben, unabhängig von der Frage. Zum Beispiel berichtet er, dass es unklar sei, warum der Mensch überhaupt losgezogen sei, um die Welt zu erkunden. „Es gab keine Notwendigkeit, es gab keine Überbevölkerung oder Hungersnot“. Vielleicht sei es Neugierde, aber man befinde sich im „spekulativen Raum“. Und auf einmal kann man sich vorstellen, was für eine Wahnsinnstat das gewesen sein muss, vor einigen Tausenden Jahren einfach mal loszusegeln und in Ozeanien zu landen.

Irgendwann an diesem Abend kommt er in der Gegenwart an, berichtet über die tolerante Kultur im Osmanischen Reich und dass es „das Dümmste überhaupt“ sei, wenn der Islam mit kriminell gleichgesetzt werde. Das ansteigende Gemurmel ignoriert er genauso gekonnt wie er es zuvor getan hatte, als Unmut aufkam, weil es ein paar Rückkopplungen gab. „Sie hören mich ja“ sagt er in einem Stellt-euch-nicht-so-an-Tonfall. Wer im Staub von Kasachstan gegraben hat, den bringen ein paar Probleme in der Schaltungstechnik nicht aus dem Konzept.